Heimbach: Kammermusikfestival „Spannungen“ mit russischer Musik

Heimbach : Kammermusikfestival „Spannungen“ mit russischer Musik

Wenn ein Kammermusikfestival den Schwerpunkt auf russische Musik legt wie die diesjährigen „Spannungen“ im Heimbacher Jugendstilkraftwerk, darf es nicht verwundern, wenn Dmitri Schostakowitsch eine zentrale Rolle spielt. Er dürfte der fruchtbarste „Kammermusiker“ aller russischen Komponisten sein.

Die enge Verzahnung seiner unter ständigem politischem Druck stehenden Lebensumstände mit seiner Musik garantiert besonders eindringliche Erlebnisse. Erst recht, wenn seine Werke mit so viel Herzblut auf derart hohem spieltechnischem Niveau ausgeführt werden wie von ausnahmslos allen Musikern der „Spannungen“-Familie.

Selbstdarsteller Konrad Beikircher

Auch wenn diesmal nicht eins der 15 Streichquartette Schostakowitschs erklang, vermittelten die ausgewählten Kompositionen ein recht umfassendes Bild von dem riesigen Ausdrucksradius seines Schaffens. Dabei bildeten ausgerechnet die depressiven, quasi „der Welt abhandengekommen“ Sonaten des bereits schwer kranken und desillusionierten Meisters für Violine bzw. Viola und Klavier aus den letzten Lebensjahren tiefgründige Schlusspunkte gegen Ende des Festivals. Erschütternde Dokumente eines zerrütteten Lebens, die bei Christian Tetzlaff und Lars Vogt sowie bei Barbara Buntrock und Aaron Pilsan bestens aufgehoben waren.

Ebenso Werke aus früheren Phasen Schostakowitschs wie die Cello-Sonate, das 2. Klaviertrio oder das Klavierquintett op. 57. Und selbst das einsätzige Klaviertrio op. 8 des 17-jährigen Studenten lässt bereits Schostakowitschs eigenwilligen Umgang mit gegensätzlichen Zeitebenen von eingefrorenem Stillstand bis zur überdrehten Groteske erahnen.

Neben Schostakowitsch gab es Interessantes von Glinka, Glière, Prokofieff, Tschaikowsky und als besondere Raritäten das unter dem Einfluss des Todes von Tschaikowsky entstandene, dunkel timbrierte Streichquartett mit zwei Violoncelli von Anton Arensky und das als Ehrenbezeugung vor Schostakowitsch geschaffene Klavierquintett von Alfred Schnittke zu hören.

Nicht ganz rund gelang dagegen der Vortrag von Igor Strawinskys „L’Histoire du Soldat“, dessen ausgedehnte Sprecherrolle Konrad Beikircher als Plattform für eine teils pathetisch, teils übermütig banal gefärbte Selbstdarstellung nutzte, der es an der nötigen Distanz fehlte.

Die musikalischen Beiträge des siebenköpfigen, von Vogt geleiteten Ensembles wurden an den Rand gedrängt und auch musikalisch fehlte es dem Vortrag an einer messerscharfen, klanglich pointiert trockenen Umsetzung.

Natürlich stammt auch der „Composer in Residence“ aus Russland: Sergej Newski, Jahrgang 1972, ein in Berlin und Moskau wirkender Komponist, der sich nicht scheut, gegen fragwürdige politische Entwicklungen in seiner Heimat anzugehen. Mit der Auftragsarbeit, einem neuen Klavierquartett, bescherte er dem Publikum ein 15-minütiges Werk mit einer klar gegliederten Struktur, dessen Abschnitte ein buntes Kaleidoskop an zeitgenössischen Klangfarben und Spieltechniken bereithalten.

Auch angesichts knapper Probenzeit machbare Anforderungen, wenn Musiker wie Tetzlaff (Violine), Yura Lee (Viola), Gustav Rivinius (Violoncello) und Alexander Vorontsov (Klavier) am Werke sind.

Eine anspruchsvolle Woche liegt hinter den Musikern und dem aufmerksamen wie begeisterungsfähigen Publikum, das sich auch von „weltpolitischen“ Ereignissen auf den grünen Rasenflächen Russlands nicht vom Besuch abhalten ließ.