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Aachen: Kaffee und Kaviar, Schallsegel und Tristan

Aachen : Kaffee und Kaviar, Schallsegel und Tristan

Werner Gronen stützt sich mit beiden Händen auf den Griff seines Regenschirms und lässt den Blick über die Baustelle schweifen. Ein sanftes Lächeln arbeitet sich durch seine grauen Bartstoppel.

Die kreischenden Sägen, den stechenden Farbgeruch, die kitzelnden Staubwolken - nimmt der Musiker sie überhaupt wahr? Vielleicht hört er gerade schon den Tristan-Akkord durch den alten Ziegelbau schmachten. „Schön, dass wir das doch noch vor der Pensionierung erleben dürfen”, sagt Gronen und ist wieder im lärmenden Baustellen-Tohuwabohu angekommen. Sein Kollege Karl-Josef Ohligs strafft die Schultern und seufzt. „Wir hatten es nicht mehr zu hoffen gewagt.”

Falls jetzt der Eindruck entsteht, die beiden Herren gingen scharf auf die 70 zu, dann ist das falsch. Aber langsam waren Werner Gronen (57) und Karl-Josef Ohligs (53) des Wartens wohl etwas müde geworden. Seit Jahrzehnten kämpft das Sinfonieorchester Aachen für einen neuen Probenraum. Das marode Provisorium über dem Jugendstilbad in der Elisabethstraße - schmuddelig, stickig-schwül und beengt - drückte nicht nur auf die Stimmung der Instrumente.

„Gesucht wird schon, seit wir ins Orchester gekommen sind”, sagt der Violinist Gronen. Das war in seinem Fall 1979. Vier Jahre später kam Kontrabassist Ohligs dazu. Er erinnert sich noch an eine Probe mit dem damaligen Chef Gabriel Chmura: Zu Mahlers Sechster quetschten sich die Politiker in den fast fensterlosen Raum, gerade mal ein Viertelstündchen hielten sie es aus, weil es so „unerträglich laut” gewesen sei. Danach versprachen sie Abhilfe. Und Gronen und Ohligs warteten.

Bewegung in die Suche kam wieder mit Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Intendant Paul Esterhazy, die das ehemalige Umspannwerk an der Borngasse fürs Schauspiel ins Gespräch brachten. Erst Generalmusikdirektor Marcus Bosch sah dort eine Zukunft für sein Orchester.

Gronen und Ohligs können diese Zukunft nun fast greifen. Sie stehen auf der Empore, die unter das denkmalgeschützte Stahltragwerk gezogen wurde und „kommen aus dem Staunen nicht heraus”. Dreieinhalb Meter unter ihnen haben die Handwerker Kaviar auf den Boden des Foyers gekippt. Na ja, so sehen die schwarzen Körner auf den ersten Blick aus. Ist aber nur der Untergrund für den Estrich, der noch fehlt.

Statt 162 Quadratmeter haben die 72 Sinfoniker demnächst im Hauptsaal satte 480, dazu Stimm- und Übungszimmer, die nicht wie bisher aus Platzmangel mit Stühlen oder Instrumenten vollgestopft sind. Bei großer Besetzung müssen sie einander also nicht mehr fast auf dem Schoß sitzen. Und ihre Gesundheit nicht mehr so oft aufs Spiel setzen.

Die Ohrstöpsel können künftig öfter im Etui bleiben. Bestimmt bei der ersten Probe am 31. August, da üben die Musiker für die Kurpark Classix, etwa das Vorspiel zu Wagners „Tristan und Isolde”, und da müssen sie ganz genau hinhören, um den Clou zu genießen: die „wandelbare Akustik”. Noch quietscht sie allerdings etwas. Axel Dresbach ist trotzdem begeistert: „So was wünschen wir uns für das Eurogress seit Jahren”, sagt dessen technischer Leiter, als er einen der riesigen Akustikflügel an der Wand des Hauptsaals verschiebt. Die Schallsegel an der Decke fehlen noch. „Aber insgesamt liegen wir sehr gut in der Zeit”, sagt Dresbach. „Das einzige Problem, das wir noch haben: Wo kommt die Kaffeemaschine hin?”, sagt Gronen und lacht.

Goldfarben glänzende Akustiktore, dunkel schimmerndes Eichenholzparkett - auf den ersten Blick könnte man auch dort Luxus vermuten. Wirkt das nicht ein wenig zu edel in Zeiten des Sparens? Der Kostenrahmen von 2,4 Millionen Euro sei sehr eng gesteckt, betonen das Eurogress als Bauherr und Architekt Bernd Horschmann vom Aachener Büro Höhler und Partner. „Es muss ja nicht billig aussehen, um ein Zeichen zu setzen”, sagt Horschmann. Günstiger als das Parkett gehe es beispielsweise kaum. Und robuster wohl auch nicht, kann Ohligs bestätigen, der testweise immer wieder den Kontrabass-Stachel in einen Quadratmeter Holz gerammt hat.

Aufwendig sei manche Lärmschutz-Lösung, erklärt Lothar Siebel. So hat der Akustik-Experte gegen die „Störgeräusche” der ratternden Rollcontainer des benachbarten Supermarkts eine Wand mit Sandfüllung bauen lassen, die auch in Panzerhallen eingesetzt werde. Aber der Professor für Bauphysik an der FH Aachen hat sicherlich das beste Argument für jeden ausgegebenen Cent: „Wenn Musiker gute Bedingungen haben, werden sie automatisch besser.” Letztlich gewinnt also der Zuhörer, auch wenn er selbst nicht ins neue Zuhause des Orchesters rein darf. „Das hätte das Budget gesprengt”, bedauert nicht nur Ohligs, dass der Probenraum kein Konzertraum wird.

Einen Blick reinwerfen dürfen Musikfreunde aber beim Theaterfest am 17. September - hoch unter die Decke zum Kranhaken des ursprünglichen Straßenbahndepots, bis in den Keller, wo die Pau fließt - im Rohr. Kaviar gibts dann nicht, aber vielleicht werfen Gronen und Ohligs ja die Kaffeemaschine an?