Aachen: Kabarettist Nico Semsrott: Einer, der alles hinterfragt, auch sich selbst

Aachen : Kabarettist Nico Semsrott: Einer, der alles hinterfragt, auch sich selbst

Und er schmunzelt doch. Sogar ziemlich häufig. Nico Semsrott, diese tieftraurige und bleiche Gestalt im schwarzen Kapuzenpulli, musste bei seinem Auftritt im Aachener Audimax öfter mal die Mundwinkel verziehen und dafür reichlich Lehrgeld bezahlen. Einem hellauf begeisterten Publikum war das nur recht.

Als selbst ernannter Demotivationstrainer verbittet sich Semsrott in seinem als Kabarettabend getarnten Workshop „Freude ist nur ein Mangel an Information“ normalerweise nicht nur jeden Anflug von Lächeln, er kasteit sich auch. Fünf Euro zahlt er bei jeder Zuwiderhandlung — und zwar nicht etwa für einen guten Zweck (das könnte ja die Stimmung heben), sondern „zur Selbstbestrafung“ an die Junge Union. In Aachen ist diesmal einiges zusammengekommen. Teuer für Semsrott, schön für seine Anhängerschaft im Westzipfel, die nun weiß: So schlimm scheint es um seine Depression dann doch nicht zu stehen.

Seit knapp vier Jahren tourt der 31-Jährige mit seinem immer wieder aktualisierten Soloprogramm durch die Lande, das wohl zum Ungewöhnlichsten gehört, das die Kabarettszene zu bieten hat. Da steht keiner, der alles besser weiß und andere lächerlich macht, da steht einer, der ziemlich niedergeschlagen ist und alles hinterfragt, auch sich selbst. Was er eigentlich am besten kann, hat er überlegt und notiert: zweifeln, resignieren und andere demotivieren. Er hätte damit vielleicht noch SPD-Vorsitzender werden können, es zog ihn aber mehr auf die Kabarettbühne. Ein Glücksfall, zumal er seine Satireausbildung nach eigenen Angaben bei echten Profis erhalten hat: auf einer katholischen Schule.

Grübeln über Rassismus

Seitdem arbeitet er sich auf den Bühnen dieser Republik an all dem ab, was das Menschsein so mit sich bringt. Das Ergebnis ist Aufklärung im besten Sinne, was ihm vor allem Fanatiker aus dem rechten Lager, also AfD-Anhänger, immer wieder schwer übelnehmen. Den Rassisten dieser Welt widmet Semsrott gut die Hälfte seines Programms. Kann man mit solchen Menschen reden und Kompromisse finden, grübelt er. Nur ein bisschen Menschenrechtsverletzung vielleicht? Die knapp 450 Menschen im ausverkauften Saal fragt er, ob sie auch so eine Angst hätten, wenn jetzt die Tür aufginge und zwei Fremde reinkämen. Das spiegelt ziemlich genau das Größenverhältnis wider, mit dem es die Deutschen zur Zeit der großen „Flüchtlingswelle“ zu tun hatten.

Diese Mischung aus Naivität und Treffsicherheit ist ganz hohe Kunst und macht Nico Semsrott zu jenem gefeierten Star der Kabarettszene, der er doch nie sein wollte. Das große Scheitern ist eigentlich sein Metier, weswegen er sich auch den Koalabären viel verbundener fühlt als seiner eigenen Spezies Mensch. Schlafen, rumsitzen und vom rumsitzen erholen seien die Hobbys der Koalas, die noch dazu Einzelgänger sind und kaum Sex haben. Der ebenso zweiflerischen wie verzweifelten Figur Semsrott kommt das erklärtermaßen ganz nahe.

Das altersmäßig sehr gemischte Aachener Publikum will ihn am Ende der erkenntnisreichen und — man wagt es kaum zu schreiben — immens vergnüglichen Show kaum gehen lassen. Als Zugabe erhält es noch ein paar Einblicke in die Texte, die Semsrott seinen neuen „Unglückskeksen“ hinzufügen will, die es regelmäßig am Ende des Abends zu kaufen gibt. „Unterm Strich ist das Leben nicht schön. Auf dem Strich auch nicht“, wird dort zu lesen sein. Oder: „Es kommt schlimmer, wenn man denkt.“ Das lässt hoffen.

Nico Semsrott wurde im vergangenen Jahr mit dem renommierten Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Zu Recht. Er ist ein ganz Großer.

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