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Collon leitet Antwerp Symphony Orchestra: Junger Abenteurer am Dirigentenpult

Collon leitet Antwerp Symphony Orchestra : Junger Abenteurer am Dirigentenpult

Wenn er dirigiert, fliegen die Locken, Nicholas Collon sprüht vor Lebensfreude, ist konzentriert, ganz dem jeweiligen Werk und Orchester hingegeben, straff organisiert und doch erfrischend unkonventionell: In Aachen wird der Engländer, Jahrgang 1983, am Donnerstag, 10. Januar, beim ersten Meisterkonzert des Jahres 2019 im Eurogress am Dirigentenpult stehen.

Auf dem Programm: Aaron Coplands „Appalachian Spring“, die musikalische Erzählung von einem Frühlingsfest amerikanischer Pioniere, Sergeij Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 4 g-Moll op. 40, das als Solist Boris Giltburg interpretiert, und Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 7 d-Moll.

„Solist ist fantastisch“

„Die Auswahl der Werke hat viel mit Amerika zu tun, sozusagen eine Verbindung zwischen alter und neuer Welt, das ist wirklich spannend“, meint Collon im Gespräch mit unserer Zeitung. „Der Solist ist fantastisch, mit ihm habe ich bereits gearbeitet.“ Das Klavierkonzert ist das erste große Werk, das Rachmaninow nach seiner Auswanderung in die USA schrieb, und enthält bereits Anklänge an den Jazz, ein Spannungsbogen, der Collon gefällt.

 Im Moment kann er noch für ein paar Tage sein Londoner Zuhause genießen. Collon ist verheiratet, Vater von zwei Kindern, zwei und fünf Jahre alt. „Lang schlafen geht da nicht, die sind schon sehr früh munter“, meint er gut gelaunt. Der Musiker, der Viola, Klavier und Orgel beherrscht, hat sich nach dem Schulbesuch in Eaton und einem Musikstudium in Cambridge für das Dirigieren entschieden.

Musik liegt in der Familie. „Meine Mutter war meine Geigenlehrerin, meine Großmutter die Klavierlehrerin“, erzählt er. Und einen Dirigenten gab es auch – den Großvater. Was ihn fasziniert, ist das Formen eines Klangs, die Umsetzung seiner Vorstellung von einem Werk, verbunden mit den Emotionen aller Ausführenden. So hat er es bei großen Vorbildern wie Nikolaus Harnoncourt, Simon Rattle oder John Eliot Gardiner erlebt.

2005 – da war er gerade einmal 22 Jahre alt – gründete Collon bereits ein eigenes Ensemble, das Aurora Orchestra in London, mit dem er seitdem mehrfach im Jahr Konzerte bestreitet. „Am liebsten erarbeiten wir Sinfonien von Beethoven bis Dimitri Schostakowitsch, unser Repertoire ist sehr vielschichtig, wir sind vielseitig“, erzählt er. „Das Besondere ist dabei die Tatsache, dass wir mindestens dreimal im Jahr eine Sinfonie auswendig spielen, da gibt es keine Noten, und das sind richtig schwere Sachen.“

Mit dem Aurora Orchestra stellt Collon immer wieder erfolgreich die Frage: Was ist eigentlich ein Konzert? Er nennt sich „Abenteurer in Sachen Musik“, mag Experimente, hat schon mit Animationsfilmern, Artisten und Capoeira-Tänzern gearbeitet. Für seine Produktion „Road Trip“ hat Aurora Orchestra 2014 sogar einen Echo Klassik in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen“ gewonnen.

In Aachen wird Nicholas Collon das Antwerp Symphony Orchestra, früher „Königliche Philharmonie von Flandern“, leiten. „Ich bin gespannt, denn dieses Orchester kenne ich noch nicht“, meint Collon. Ein paar gemeinsame Proben, dann wird man vertraut miteinander sein.

Immerhin attestiert die Kritik den Belgiern eine „direkt zupackende, lustvolle Art des Musizierens“. Was sich mit Collons Stil gut vertragen könnte. Der 36-Jährige sieht die zahlreichen Gastspiele sportlich, ist ein begehrter Gast weltweit. „Es ist toll, an möglichst vielen Orten in der Welt zu sein, das sind sehr unterschiedliche Eindrücke. Jedes Orchester hat einen eigenen typischen Klang.“ Ende Januar ist Japan an der Reihe. Wird er sich für das dortige Publikum speziell vorbereiten? Da ist er unbekümmert: „Nein, ich erarbeite mir nur die Musikstücke, ich habe keine Berührungsängste.“

Kürzlich hat er in der Kölner Oper „Peter Grimes“ von Benjamin Britten dirigiert sowie ein Benefiz-Konzert in der Kölner Philharmonie. „In Deutschland gibt es eine ausgeprägte Konzertkultur“, sagt Collon. „Es waren drei Aufführungen mit demselben Programm, und alle waren ausverkauft, insgesamt 3000 Menschen, eine großartige Erfahrung. In England haben wir das nicht.“

Das Dirigieren ist seine Leidenschaft. „Ich habe einfach Spaß daran, das soll man spüren, die Botschaft der Musik funktioniert nur, wenn ich eine gute Verbindung zu allen erreiche.“ Stilistisch ist der Brite nicht festgelegt, liebt die Abwechslung. „Ob zeitgenössische Komponisten oder Barockmusik, da bin ich sehr offen, die Musik ist stets im Mittelpunkt.“

Meditative Wirkung

Gelungen empfindet er eine Umsetzung dann, wenn sie auf Publikum und Orchestermitglieder gleichermaßen meditativ wirkt. „Da gibt es eine Wechselwirkung, eine Form von Einheit“, betont er. Digitale Technik – für den Dirigenten eine Chance, über den Konzertsaal hinaus Menschen an Musik heranzuführen. Das will er.