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Köln: Joss Stone: „Man muss die Seelen der Zuhörer füttern”

Köln : Joss Stone: „Man muss die Seelen der Zuhörer füttern”

Im Alter von 15 Jahren galt Joss Stone als einträgliches Wunderkind des Soul. Biegsam und brav interpretierte sie mit ihrem Gesangsvolumen alte Soul-Klassiker. Heute, mit 20, ist aus dem schüchternen Mädchen eine selbstbewusste Künstlerpersönlichkeit geworden.

Ihre Plattenfirma will sie blond - sie färbt ihr Haar lieber violett. Allen Warnungen zum Trotz ist sie inzwischen Songschreiberin, Managerin und Choreographin in Personalunion. In ihrer Soul-Revue „Introducing: Joss Stone”, die am kommenden Mittwoch im Kölner Palladium Station macht, verbindet sie Tradition und Moderne zu einem zukunftsweisenden Soul-Modell.

Miss Stone, kennen Sie einen guten Blondinenwitz?

Stone: Ich kenne viele üble. Die sind aber nicht der Grund für meine neue Haarfarbe. Meine Haare waren auch schon mal grün und pink, bevor irgendjemand Notiz von mir nahm. Allerdings gab es vor anderthalb Jahren einen entscheidenden Moment, der meine Karriere auf den Kopf und mich vor die Wahl stellte. Sollte ich als Sängerin, wie bis dahin, weiter machen oder mir lieben einen anderen Job suchen, war die Frage, die im Raum stand. Ich wollte, dass sich der Neuanfang, der daraus resultierte, auch äußerlich manifestiert.

Wie sieht der inhaltlich konkret aus?

Stone: Ich folge keinen Befehlen mehr. Es wurde zwar zu meinem ersten Album überall so getan, als ob es meine Wahl gewesen sei, mit Coverversionen zu debütieren, aber das stimmt nicht. Ich wollte immer schon meine eigenen Songs aufnehmen, was mir erst mit dem neuen Album gelungen ist. Nach dem zweiten Album wurde ich plötzlich von Selbstzweifeln geplagt. War ich gut genug, um meine Stimme durch den Äther zu jagen? Ich musste mir erst selbst beweisen, dass ich eigene Songs schreiben konnte.

War das nicht schon mit Ihrem letzten Album gelungen?

Stone: Machen Sie Witze? Gut, ich durfte ein paar Songs mitschreiben. Aber weder mein Management, noch die Plattenfirma oder die Produzenten, hätten meine eigenen Songs interessiert. Es hieß immer: „Komm Mädchen, sing das mal so oder so!” Für eigene Ideen blieb dabei kein Platz. Das neue Album gärt im Grunde bereits seit fünf Jahren in meinem Kopf. Endlich durfte ich es aufnehmen, was wie ein Befreiungsschlag wirkte. Der kostete mich allerdings mein Management und fast auch meinen Plattenvertrag.

Sie managen sich also inzwischen selbst?

Stone: Das muss ich, denn ich traue niemandem in diesem Geschäft. Im letzten November musste ich meinen Plattenvertrag allein neu aushandeln. Dabei reichte nur ein einziger Satz aus, um die beiden Chefs meines Labels davon zu überzeugen, mir die Vertragsbedingungen zu geben, die ich haben wollte.

Wie lautete der?

Stone: Ich sagte ihnen: „Okay, Leute, feuert mich doch, wenn ihr nicht wollt, dass ich mich selbst verwirkliche!” Es ging denen dabei um ihr Investment in meine Person, während ich auf meiner künstlerischen Freiheit beharrte.

Ist Selbstbestimmung der Weg, um der Psychiatrie zu entgehen, in der sich Robbie und Britney befanden?

Stone: Es ist das alte Showbiz-Spiel: Alle um dich herum finden dich großartig und reden einem da ständig ein, weil sie alle an dir verdienen. Irgendwann verlierst du dein Ziel und dich selbst aus den Augen, weil du dich für größer als Gott hältst. Millionen von Leuten himmeln dich an. Viele Kollegen verwechseln die Huldigung des Könnens mit Liebe. Wenn der Erfolg dann ausbleibt, rutscht man in ein schwarzes Loch ab.

Waren Sie rückblickend noch zu jung für das Geschäft, als Sie Ihr erstes Album aufnahmen?

Stone: Waren Stevie Wonder, Aretha Franklin oder James Brown zu jung, als sie erstmals eine Bühne bestiegen? Die waren teilweise keine zehn Jahre alt, damals. Ich finde es unverschämt, dass man jungen Leuten inzwischen kein künstlerisches Talent mehr zutraut. Ich bin zwar rein physisch gesehen erst 20. Aber Gott weiß, wie alt ich in meinem Kopf wirklich bin. Meine Hauptantriebskraft ist mein Wunsch, die Welt von all der unsäglichen Musik zu befreien, die uns ständig um die Ohren gehauen wird.

Ist das nicht ein hoffnungsloses Unterfangen?

Stone: Musik war soviel besser, als sie noch kein visuell dominiertes Medium war. Musik muss die Seelen der Zuhörer füttern, was leider immer weniger der Fall ist. Es mag naiv klingen, aber ich möchte eine Alternative zu den Musikprodukten darstellen, die Emotionen nur suggerieren. In diesem Popgeschäft stehen jedem wirklich beseelten Musiker tausend Emotionsdarsteller gegenüber. Ich bin nicht von Ungefähr Soul-Fan geworden, als ich klein war.