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Köln: Jeder zweite Schüler ist von Schulangst betroffen

Köln : Jeder zweite Schüler ist von Schulangst betroffen

Die kleine Nina ist eigentlich eine gute Schülerin. Doch seit die Zehnjährige die fünfte Klasse des Gymnasiums besucht, hat sie Angst vor dem Mathematikunterricht. Steht das verhasste Fach am nächsten Morgen auf dem Stundenplan, geht sie abends mit Bauchschmerzen ins Bett und kann lange nicht einschlafen.

Morgens schleppt sie sich dann nervös zur Schule. So wie ihr geht es zahlreichen Schülern in Deutschland: Nach Schätzungen von Experten leiden zwischen fünf und zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen an Schulangst, also bis zu 1,2 Millionen.

Schulangst tritt besonders häufig bei sechs- und dann wieder bei zehnjährigen Kindern auf: Denn dann steht die Einschulung beziehungsweise der Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule an, was für die meisten eine einschneidende Veränderung darstellt.

Auch vom Schultyp ist die Schulangst abhängig. So ist sie etwa unter Gymnasiasten besonders weit verbreitet. Typische Symptome sind unerklärliche Bauch- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Durchfall.

In den meisten Fällen steckt hinter der Schulangst die Angst vor dem eigenen Versagen. „In erster Linie ist es Notenangst”, sagt Detlef Träbert, der Bundesvorsitzende der „Aktion Humane Schule” (AHS) mit Sitz in Niederkassel bei Bonn. Seiner Ansicht nach ist davon sogar jeder zweite Schüler betroffen.

Anforderungen wie Klassenarbeiten und Noten stellen für Schüler Stresssituationen dar, die Versagensängste hervorrufen können. Diese führen dann zu schlechteren Leistungen. „Und wenn erst einmal die Angst vor der Angst da ist, gibt es ein wirkliches Problem”, betont Träbert.

Träbert rät Eltern von Kindern mit Schulangst, sofort das Gespräch mit den Lehrern zu suchen. Hält die Angst länger als drei Monate an, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden, etwa der schulpsychologische Dienst. Selbst eine stationäre Behandlung kann unter Umständen nötig sein.

Nach den Erfahrungen der Krankenhausschule der Kinderpsychiatrie der Universität Köln überwinden etwa drei Viertel der eingewiesenen jungen Patienten ihre Ängste dauerhaft. Allgemein gilt: Je länger das Problem anhält, desto schwieriger ist es zu beheben.

Die Problematik der Schulangst habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, sagt der ehemalige Studiendirektor und Fachleiter Peter Hillebrand aus Essen. Er macht dafür die ständig wachsenden Leistungsanforderungen verantwortlich.

In Deutschland sei es leider so, dass für den Erfolg des Schülers stets der Schüler selbst verantwortlich sei, kritisiert auch Detlef Träbert. Er fordert stattdessen: „Die Schule muss Verantwortung übernehmen und darf kein Kind zurücklassen.”