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Aachen: Jede Figur und jede Stimmung punktgenau getroffen

Aachen : Jede Figur und jede Stimmung punktgenau getroffen

Drei große, bekannte Komponistennamen zierten das 5. Sinfoniekonzert im Aachener Eurogress. Brahms, Haydn, Richard Strauss: Drei originelle, experimentierfreudige, hohle Autoritäten gern ironisch-frech mit spitzer Feder attackierende Musiker, die immer für Überraschungen gut sind.

Zumal Richard Strauss´ „Don Quixote” seit Jahrzehnten in Aachen nicht mehr zu hören gewesen ist. Das erstaunt, dürfen doch die „Fantastischen Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters” neben dem „Till Eulenspiegel” als die feinsinnigste Tondichtung des Meisters gelten. Und diese Wertschätzung hörte man der Interpretation durch Marcus R. Bosch und dem Aachener Sinfonieorchester in jedem Takt an.

Ausladende Opulenz, von süßlicher Sentimentalität ganz zu schweigen, drängte Bosch zurück, stattdessen entstanden detaillierte Charakterskizzen in entschlackter Klarheit. Dadurch boten sich nicht nur Einblicke in die Genialität, mit der Strauss jede Figur und jede Stimmung punktgenau trifft, die Musik verliert auch jeden Rest von Banalität, die sich bei pauschalem Überspielen der Feinheiten leicht einstellen kann.

Scharf und plastisch

Die gestopften Bläser, die Strauss für die blökende Hammelherde vorsieht, klingen bei Bosch so scharf und plastisch, dass die Szene geradezu experimentell und avantgardistisch neu wirkt und nicht wie ein plakativ naturalistisches Abziehbild.

Selbst die berüchtigte Windmaschine in „Don Quixotes Luftritt” setzt Bosch so dezent ein, dass sich die Szene dadurch eher bedrohlich als aufdringlich präsentiert. Eine derart röntgenhaft durchsichtige und treffsichere Interpretation der diffizilen Partitur lässt sich nur mit einem Orchester umsetzen, das über ein beachtliches Spielniveau verfügt.

Und da braucht sich das Aachener Sinfonieorchester auch nicht vor den Live-Zuhörern des WDR zu schämen. Brillante Soli an allen Streicher- und Bläserpulten, Präzision in den Tuttigruppen und stilistische Flexibilität markieren den Qualitätssprung, den das Orchester derzeit kennzeichnet.

Eine Sonderstellung kommt natürlich den exponierten Streicher-Soli von Konzertmeisterin Sabine Gabbe und Solo-Bratschist Andrew Simpson zu, die sich würdig neben dem Gast-Cellisten Claudio Boh?rquez behaupten konnten. Der südamerikanische Cellist passte sich nahtlos Boschs Konzept an, verzichtete auf karikierende Überzeichnungen und beließ dem Ritter mit kultiviertem Ton Noblesse, Wärme und Hintergründigkeit.

Klar und reduziert

Klarheit und Reduktion auf das Wesentliche bestimmte auch Boschs Darstellung der 22. Symphonie des jungen Joseph Haydn. In kleiner Besetzung lässt Bosch die originellen Choralvariationen des ersten Satzes auf einem leichtfüßigen Bassfundament erstehen, glänzend phrasiert, lupenrein abgestimmt, so dass Haydns Geniestreich nicht an ein barockes Plagiat erinnert, sondern vielmehr Mozarts „Maurerische Trauermusik” oder das Duett der Geharnischten aus der „Zauberflöte” vorwegnimmt. Keine Frage, dass auch die rasanten Presto-Sätze durch federnde Eleganz bestechen.

Und bleischweres Pathos braucht man selbst von Brahms´ „Tragischer Ouvertüre” nicht zu befürchten. Bosch knüpft an Beethovens vital-dramatische Vorgaben an, so dass wir uns über eine rhythmisch markante, klanglich differenziert abgestufte und schlanke Brahms-Interpretation freuen durften.