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Düsseldorf: Jede Bewegung in provozierender Zeitlupe

Düsseldorf : Jede Bewegung in provozierender Zeitlupe

Befremdlich für uns an Verdi und Wagner gewöhnte Zeitgenossen ist bisweilen die Kunst der Oper, wie sie im 18. Jahrhundert Mode war. Diese wie an Perlenschnüren aufgereihten Gesangsnummern, in denen die Stars der höfischen Kulturszene ihre Kehlfertigkeit zur Schau stellen konnten (und wollten), fügen sich nur mühsam ein in eine von erzählenden Rezitativen hergestellte Handlung.

Statt eines in seiner Dramatik quasi in Echtzeit nachvollziehbaren Dramas ergeht sich die frühe Opera Seria in Innehalten, Wiederholen. Auch der 16-jährige Mozart, 1772 mit dem Papa auf Image-Tour in Italien unterwegs, versteht es, auf der Klaviatur dieses Zeitgeschmacks zu spielen. Nach Belieben, möchte man hinzufügen, nachdem man den „Lucio Silla” erlebt hat, wie ihn die Rheinoper in Düsseldorf jetzt herausgebracht hat.

Aus der Künstlichkeit jener alten Kunst schlägt Regisseur Christof Loy die Funken für seine Sicht auf „Mozarts Tristan”, wie er die Geschichte um das depressive Liebespaar Giunia und Cecilio bezeichnet, das unter dem Diktat des Tyrannen Lucio Silla zueinander nicht kommen kann.

Künstlich ist die Bühne von Herbert Murauer in ihrer konsequenten Schwarzweiß-Optik, dem sich auf Knopfdruck herabsenkenden Kronleuchtern oder dem sich hebenden Podest, unter dem eine imposante Scheren-Mechanik sichtbar ist. Im weiß mit Nessel ausgeschlagenen Zelt-Raum huschen schwarze Wände herein, teilen Vorder- von Hinterhaus. Zur Dämmerung der Friedhofszene muss ein Mitspieler an die 100 Lüster-Glühbirnen per Dreh zum Glimmen bringen.

Auch die Personen sind Teil dieses künstlichen Spiels. Zur Ouvertüre machen Sänger und Statisten in ganzer Bühnenbreite Front gegen das Publikum, indem sie sich der Reihe nach sprechend vorstellen. Danach nimmt man im Raum seinen Platz ein, um sich dreieinhalb Stunden später wieder vorne einzufinden - zum (vermeintlichen) Jubel-Finale.

Dazwischen zelebriert Loy seine Kunst der Personenführung, die sich im Düsseldorfer „Silla” in extremer, fast provozierender Langsamkeit äußert. Die allgegenwärtigen sängerischen Gesten hat Loy seinen sechs Protagonisten gründlich ausgetrieben, zurück bleibt minimalistische Zeitlupe.

Das ist der Clou, eine Art zu spielen, die jeden Augenaufschlag, jeden Blick, jedes Neigen des Kopfes, jede noch so unauffällige Körperdrehung wie unter der Lupe vergrößert. Und das gebiert - über weite Passagen des Abends - eine außerordentliche Spannung und Intensität.

Vor dem Hintergrund dieses Regieansatzes kommt frappierend selbstverständlich, ja geradezu verstärkt, die Musik zur Geltung, die von Andreas Stoehr als Leiter enthusiastisch aufspielender Düsseldorfer Symphoniker geleitet wird. Außerordentlich hoch ist dazu die Qualität der Sänger, vor allem der weiblichen.

Denn neben Bruce Rankin als Silla, dem die Leichtigkeit der Partie einige Mühe machte, und Mirko Roschkowski als sein Ratgeber Aufidio, der einige Koloraturen verschlucken musste, sind in Düsseldorf vier überragende Sopranistinnen zu erleben.

Allen voran die phantastische Koloratursopranistin Simone Kermes in der Partie der Giunia, der eine Verzweiflungsarie gelang, die einem den Atem nahm. Ihr zur Seite zeigte Mariselle Martinez als Cecilio ein Register, das vor allem in der extremen Tiefe Unglaubliches fertig bringt, in der Höhe einfach Wunderbares erklingen ließ.

Kleiner, aber nicht weniger kostbar die Partien der Schwester des Tyrannen, die von Romana Noack zum Glühen gebracht wurde und die des Cinna, in die knabenhaft kleine Kerstin Avemo ihr außerordentliches Talent hören ließ. Eine solch potente Besetzung kann sich aber auch ein Haus wie die Deutsche Oper am Rhein nur leisten, wenn sie kooperiert - diesmal mit der Königlichen Oper in Kopenhagen.