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Köln/Aachen: „Jecke Wiever” haben das Kommando

Köln/Aachen : „Jecke Wiever” haben das Kommando

Das Rheinland war am Donnerstag fest in Frauenhand. Pünktlich um 11.11 Uhr an Weiberfastnacht übernahmen die Narren die Herrschaft in den karnevalistischen Hochburgen. Tausende maskierte „jecke Wiever” stürmten Büros und Amtsstuben, um Krawattenträgern mit der Schere zu Leibe zu rücken. Als Entschädigung wurde ausgiebig „gebützt”.

Bis Aschermittwoch läuft das öffentliche Leben zwischen Aachen und Bonn allein im Takt der „decken Trum”, wie hier das typische Schlagwerkzeug der Jecken heißt.

Mit der Sessions-Hymne von Prinz Roger I. „Salute, alles jute” haben die Aachener Jecken am Donnerstag ihren Narrenherrscher gefeiert.

Der hatte schon am Vorabend in einem Streich die Macht während einer Ratssitzung übernommen. Oberbürgermeister Jürgen Linden (SDP) und die Politiker ergaben sich widerstandslos und schlugen sich sofort auf die Seiten der Jecken: Sie gingen in die Bütt, riefen „Alaaf” und tanzten zu rhythmischen Karnevalsliedern.

Für diese friedliche Machtübernahme feierten rund 2000 Aachener Jecken ihren Prinz bei strahlendem Sonnenschein auf dem Marktplatz.

Schon um 10 Uhr ging auf dem Kölner Altermarkt nichts mehr. Das karnevalistische „Regierungsviertel” musste wie in jedem Jahr wegen Überfüllung geschlossen werden. Mehrere zehntausend Zuschauer jubelten in der Altstadt dem Dreigestirn um Prinz Jacky I, Bauer Walter und Jungfrau Antonia zu. Das „Trifolium” hatte während der Session besonders den sozialen Charakter des Karnevals herausgestellt und dafür unter anderem einen Obdachlosentreff und den jüdischen Kindergarten besucht.

Die „heiße Phase” seiner Regentschaft werde er nur noch genießen, versprach Jacky I: „Ich will alle kölschen Mädchen bützen.” Die Frauen im Publikum zeigten sich von dieser Ankündigung hoch erfreut. „Wo sind denn hier die schönen Männer?”, fragte prompt eine als Obelix verkleidete Sauerländerin.

Bei reichlich Kölsch wurde unter freiem Himmel zu den Hits der Höhner und Brings geschunkelt. Eine Gruppe lilafarbener Teletubbies lieferten in einer Ecke eine improvisierte Spontan-Karnevalssitzung ab. Nur wenige Meter entfernt zog eine Gruppe aufwändig kostümierter Freibeuter mit einer fast zwei Meter langen Fregatte auf Rädern durch die Altstadt. „Wir haben nichts mit dem ´Fluch der Karibik´ zu tun, wir gehen schon seit Jahren als Piraten”, stellte einer der Männer klar.

Außer dem Hang zum Seeräuber-Outfit ist bei den Kostümen in Köln kein eindeutiger Trend auszumachen. Bei sonnigen, aber kalten Wetter zeigte sich manch unternehmungslustiges „Wiev” mit Strapsen, knappen Rock und Netzstrümpfen durchaus verführerisch. „Ich will flirten, ich habe noch Schwung vom Valentinstag”, bekannte ein blond bezopfter „Marienkäfer”.

Angesichts der Unterschicht-Debatte gab sich der männliche kölsche Jeck auch durchaus prollig, mit markanter „Vokuhila” -Perücke, löcherigen Unterhemd und Jogging-Hose. „So laufe ich aber nicht jeden Tag herum”, betonte ein Kölscher, als er die skeptischen Blicke einer vorbei flanierenden Gruppe falscher Nonnen bemerkte.

In Düsseldorf übergab Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) nach nur denkbar kurzer Gegenwehr ( „Ihr kommt hier nicht rein” ) Karnevalsprinz Udo I. und seiner Venetia Miriam die Stadtschlüssel. Tausende Jecken jubelten dem Paar auf dem Rathaus-Balkon zu. Eine als Hexen verkleidete Frauenrunde wollte mit Scheren bewaffnet Jagd auf Krawattenträger machen: „Ab heute ist für sechs Tage Ausnahmezustand”, sagte eine von ihnen.

Ausgelassene Stimmung herrschte an der „längsten Theke der Welt” in der Düsseldorfer Altstadt, aus den Kneipen tönte Partymusik, auf den Straßen floss reichlich Alt und Prosecco. Hier tanzte ein Mönch mit einer Domina und ein falscher Edmund Stoiber mit einer Piratenbraut.

Kurzentschlossene konnten sich noch an ambulanten Verkaufsständen karnevalistisch ausrüsten: „Perücken und Cowboyhüte gehen am besten”, sagte eine Verkäuferin.