Aachen: Jan Wagner liest in Aachen: Gemüse, Müllmänner, Lyrik

Aachen : Jan Wagner liest in Aachen: Gemüse, Müllmänner, Lyrik

Was er schreibt, das lebt, atmet, scheint sich im Lesen weiterzuentwickeln, zu entfalten — selbst dann, wenn das Gedicht längst fertig und gedruckt in einem Buch seinen Platz hat: Der Lyriker Jan Wagner (46), der kürzlich in Darmstadt den renommierten Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung entgegengenommen hat, muss sich durch die eng besetzten Reihen in der Aachener Buchhandlung Schmetz drängeln, um zu seinem Pult zu gelangen.

Stolz stellt Buchhändler Walter Vennen seinen prominenten Gast vor, der in Hamburg geboren wurde und nun in Berlin-Neukölln lebt. Wagner greift ohne Umschweife lächelnd zum Buch. So fühlt er sich am wohlsten.

Zwei Schwerpunkte sind an diesem Abend vorgesehen: Wagners Prosawerk „Der verschlossene Raum“ und „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, eine Sammlung von Gedichten aus den letzten 16 Jahren. Wagner ist entspannt, ein Lyriker, der den Austausch mag, und ihn mühelos findet. Das Publikum hört aufmerksam zu, reagiert spontan, fühlt sich ein — wie selbstverständlich. Wagner hat für sich einen weichen Leserhythmus entwickelt, ein Einschwingen auf die Gedanken, die sich im lyrischen Raum verdichten, verändern, neu aufsteigen und manchmal abenteuerliche Exkurse unternehmen.

Manchmal verblüffende Assoziationsketten laden ein zu diesen unerwarteten Ausflügen. Da setzt Wagner etwa den unverwüstlichen „Giersch“, eine wild wuchernden Gemüsepflanze, die Gärtner zur Verzweiflung treibt, mit zischenden Klangbildern und raffinierter Reimakrobatik in Szene. Oder er lockt die Vorstellung des Zuhörers in die Tiefe eines Brunnens, zum Kind, das hineingefallen ist und nun mit Staunen beobachtet: „efeu stieg über efeuschultern/ins freie, entkam“. Als er das Buch beiseite legt, meint er lapidar: „Ich bin zum Glück nie in einen Brunnen gefallen, aber man muss seinen Sessel ja nicht verlassen, um sich die Schlacht von Austerlitz vorzustellen . . .“

Viel Persönliches schwingt in seinen Werken mit und formt sich zu hintergründigen Lebens- und Zeitbildern, sprachlich fein ziseliert, niemals beiläufig, stets sorgfältig abgewogen, jedes Wort an seinem Platz. Wagner kombiniert seine Poesie mit kleinen Prosatexten, etwa den „Postkarten an Barbara“. Barbara — Gerbera — wer würde auf die Idee kommen, eine müde Runde von Müllmännern am Kiosk (alle in Orange gekleidet) mit einer aufblühenden Gerbera zu vergleichen? Jan Wagner findet dieses Bild und setzt es elegant um. Sprachliche Kostbarkeiten zum Nachlesen und Nachdenken, ein sympathischer Könner.

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