Nideggen: Jamie Cullum und Till Brönner begeistern bei „Bühne unter den Sternen“

Nideggen : Jamie Cullum und Till Brönner begeistern bei „Bühne unter den Sternen“

Das etwas Pausbäckige, das Jamie Cullum vor rund 15 Jahren als „Twentysomething“ noch hatte, ist verschwunden. Ganz klar: Der Mann, inzwischen ein Enddreißiger, ist gereift. Bewahrt hat er sich seinen jugendlichen Charme, ein liebenswert humorvoll-freches Auftreten und eine scheinbar ungezügelte Energie.

Damit begeistert Cullum sein Publikum seit jeher, und so auch die rund 2300 Zuschauer am Samstagabend bei seinem fulminanten und gefeierten Auftritt auf der „Bühne unter den Sternen“ auf Burg Nideggen.

folgtfolgtfolgtfolgtFotos: Gudrun Klinkhammer. Foto: Gudrun Klinkhammer

Von „Twentysomething“, Cullums drittem Album aus dem Jahr 2003, wird gleich noch die Rede sein. Zum Auftakt des Konzerts gab es aber zunächst „Work Of Art“, einen aktuellen Song aus diesem Frühjahr, der als Vorbote für ein neues Album gilt. Das letzte Werk „Interlude“ ist immerhin schon drei Jahre alt. „Work Of Art“ ist eine Soul-Nummer im Stile von Michael Kiwanukas „Black Man In A White World“, und es gab ein wenig die Richtung für den Abend vor: R&B- und Soul-Stücke bildeten neben Cullums großen Pop-Hits wie „Save Your Soul“ oder „Ie_SSSqm All Over It“ das Gerüst des zweistündigen Programms.

„Bühne im Regen“ statt „Bühne unter den Sternen“: Tausende Besucher kamen am Wochenende zu den Konzerten auf Burg Nideggen und ließen sich von den Auftritten von Jamie Cullum (oben) und Till Brönner trotz des Regens begeistern. Foto: Gudrun Klinkhammer

Cullum lieferte den beeindruckendsten Moment des Abends allerdings mit einem Jazz-Stück: „What A Difference A Day Made“, der Klassiker von Dinah Washington und das Eröffnungsstück von „Twenty- something“, geriet in einer fast völlig auf Cullums Gesang reduzierten Version zum Gänsehaut-Moment. Natürlich, möchte man sagen, schließlich hat Cullum seine musikalischen Wurzeln im Jazz. Und „What A Difference A Day Made“ mag der Song gewesen sein, mit dem viele hierzulande Cullum überhaupt erst kennengelernt haben, wie der Sänger selbst vermutete. Das Album war für ihn der Durchbruch in Deutschland.

Aber Cullum war nie ein reiner Jazz-Musiker. Er war stets mehr Entertainer als Virtuose, ein Derwisch auf der Bühne, der mal hinter dem Flügel sitzt, mal über ihn drüber springt, der für eine Gesangseinlage an den Bühnenrand stürmt oder auch mal auf eine Trommel eindrischt. Scheinbar mühelos kann er sein Publikum zum Mitsingen animieren, es reicht ein Wink mit dem Zeigefinger, und alle sind dabei.

Auch musikalisch hat ein Großteil des Programms kaum noch etwas mit Jazz zu tun. Cullum ist ein Wanderer zwischen den Welten, brillanter Arrangeur, begnadeter Sänger. Davon zeugen vor allem die Coverversionen wie „Don't Stop The Music“ (Rihanna), „Shape Of You“ (Ed Sheeran) oder „High And Dry“ (Radiohead), die allesamt vom Publikum gefeiert wurden. Mit „Everybody Loves The Sunshine“ (Roy Ayers) und „Sinnerman“ (Nina Simone) walzte Cullum sein Spektrum sogar bis hin zum Afrobeat aus.

Da hatte Cullum das Publikum längst zum Tanzen animiert — und in den eigentlich abgeriegelten Bereich vor die Bühne geholt: „Wenn ihr alle gleichzeitig kommt, dann können Sie Euch nicht aufhalten“, hatte er an die Adresse der Stehplatz-Inhaber außerhalb des abgeriegelten Sitzplatz-Bereichs gesagt. Und die ließen sich nicht zweimal bitten. So geriet das Konzert trotz des zwischenzeitlichen Regens, den Cullum augenzwinkernd mit „Singine_SSSq In the Rain“ und Rihannas „Umbrella“ kommentierte, zu einer ausgelassenen Party, bei der sogar ein Zuschauer auf die Bühne kommen durfte, um „Ie_SSSqm All Over It“ zu singen.

Ein Virtuose an der Trompete

Tatsächlich hätte die „Bühne unter den Sternen“ in diesem Jahr viel eher „Bühne im Regen“ heißen können. Auch der Auftritt von Till Brönner am Freitagabend war noch viel mehr als der von Cullum von Niederschlag begleitet. Trotzdem pilgerten rund 1400 Menschen zur Burg, um — unter Regencapes und Schirmen — Brönner zu hören, der sein aktuelles Album „The Good Life“ im Gepäck hatte. Darin interpretiert er Jazz-Standards, die etwa im „Real Book“ zu finden sind.

Der 46-jährige Star, der in Köln Jazztrompete studiert hat und vom früheren US-Präsidenten Barack Obama ins Weiße Haus eingeladen wurde, ist kein „Trompetenstier“, wie etwa Dizzy Gillespie oder Louis Armstrong es waren. Brönner ist der sanfte Melodiker, der sein Publikum an Trompete und Flügelhorn tiefenentspannt und dennoch mit höchster Kunst und Technik verwöhnt.

Samtig geriet etwa der Melodiebogen im Titel „Die drei Tage des Condor“ aus dem gleichnamigen Agententhriller mit Robert Redford. Etwas anders verhält es sich allerdings, wenn Till Brönner singt, etwa in „Once Upon A Summertime“. Brönners Stimme ist eher flach, man spürt die Angst um eine korrekte Intonation. Die Spannung im Publikum ließ etwas nach. Es blieb die Ausnahme, und Brönner konnte mit seiner Trompete schnell wieder begeistern.

Mit den Worten: „Sie sind so tapfer, und wir sind trotz des Regens hochmotiviert“, hatte er sein Publikum begrüßt. Nach knapp zwei Stunden verließ der Virtuose sie wieder — nicht ohne drei Zugaben gegeben zu haben.

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