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Ingenieure für die Deutschland AG

Ingenieure für die Deutschland AG

Aachen (an-o) - Sind in deutschen Unternehmen zu viele Leute an der Spitze, die zu wenig von Technik verstehen und Innovationen verschlafen? An der RWTH leitet man jedenfalls gerade die Gegenbewegung ein: Ingenieure sollen künftig die Deutschland AG führen.

"Deutschland ist zu langsam." Das sagen so viele jetzt, dass man die Anmaßung kaum mehr wahrnimmt, die darin steckt. Doch der Aachener Professor Günther Schuh, der mit 44 Jahren immer noch ein bisschen wie ein Klassenprimus wirkt, von der angenehmen Sorte, der man halt nicht übel nehmen kann, dass sie einfach was flotter sind, meint es ganz ernst: "Die Deutschland AG braucht unbedingt mehr Ingenieure in den Führungsetagen." Das Innovationspotenzial und die Marktchancen von Technologien frühzeitig erkennen, das dafür nötige komplexe Denken und Urteilsvermögen: das hätten nur Ingenieure.

Die paar Wiedekings

Man schaue sich doch nur jene Unternehmen an, in denen Juristen oder Betriebswirte das Sagen haben, und die "entsprechend schlecht geführt sind". Die wenigen gelernten Maschinenbauer, "die paar Wiedekings (Porsche) und Milbergs (früher BMW)", die reichten nicht aus, wenn es voran gehen soll in Deutschland. Dazu aber müssten die deutschen Ingenieure ihre "häufig devote Haltung oder ihren zumindest sehr ausgeprägten Respekt gegenüber anderen Fachdisziplinen" ablegen und auf Positionen gelangen, auf denen sie auch gehört werden.

Nichts weniger hat Schuh nun vor. In Aachen an der RWTH werden unter seiner Leitung ab April 2004 aus Spitzen-Ingenieuren Top-Manager geformt. In nur hundert Tagen, von erlesenen Dozenten unterrichtet, und für 32.000 Euro wird man hier zum EMBA, zum Executive Master of Business Administration, zum gelernten Unternehmensleiter sozusagen (siehe Artikel unten).

Eine neue Lehrkultur

Da haut einer ziemlich auf den Putz, sollte man meinen. Doch Schuh ist fraglos eine Marke in diesem Geschäft. Der Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik und Direktor des WZL, der Aachener Maschinenbauschmiede von Weltruf, wissenschaftlicher Ziehsohn und seit 2001 Nachfolger von Walter Eversheim, nebenbei erfolgreicher Unternehmer, hat schon in St. Gallen derlei geleitet und manchen Ingenieur in obere Etagen geschickt.

"Natürlich hat das auch einen elitären Charakter", sagt Schuh von sich aus. Was Studentenvertreter schon vorab klagen lässt, dass die normale Lehre zwangsläufig darunter leide. "Doch das krasse Gegenteil ist der Fall." Es gebe, davon ist Schuh überzeugt, nichts Besseres für einen Dozenten als sich in solcher Top-Weiterbildung didaktisch zu schulen. "Diese Leute warten nicht bis zum Schluss mit Kritik wie normale Studenten. Da bekommt man ein gnadenloses Feedback." Und von einer solchen "Lehrkultur" falle im normalen Dozentenkreis der Hochschule dann "hoffentlich auch etwas ab".

Bei aller Lockerheit im Umgang legt es der dynamische Reformator auch sonst nicht darauf an, sich überall beliebt zu machen. In Sachen Bachelor/Master etwa pflegt Schuh die längst nicht allen Kollegen an der Fakultät kommode Ansicht, dass "einer so starken Hochschule wie die TH überhaupt nichts verloren geht, wenn unser Abschluss nicht mehr Diplom sondern Master heißt. Entscheidend ist, wo man den macht." Schuh sieht auch, ebenfalls nicht ganz Universitäts-konform, die Fachhochschulen eher als Herausforderung: "Eine ganze Reihe davon macht einen verdammt guten Job."

Starke Philosophische Fakultät

Und noch eine Ansicht des in der Wolle gefärbten Technologen könnte nicht nur Studenten aktuell aufhorchen lassen: "Ich habe es immer als Stärke gesehen, dass die RWTH eine gute Philosophische Fakultät hat. Und ich bin nachhaltig dafür, dass diese Stärke der TH erhalten bleibt."