In „Menashe“ kämpft ein orthodoxer Jude in New York für Selbstbestimmung

In „Menashe“ kämpft ein orthodoxer Jude in New York für Selbstbestimmung

Menashe Lustig lebt als alleinerziehender Vater in einer Parallel-Gesellschaft: In Brooklyns jüdisch-orthodoxem Viertel Borough Park spricht man kein Englisch, sondern Jiddisch mit englischen Einsprengseln und Lehnwörtern wie Mischpoke (für Familie), die noch im heutigen Deutsch existieren.

Hier weicht die chassidische Wirklichkeit erheblich von den Lebensgewohnheiten der restlichen Bewohner New Yorks ab. Das fängt mit der Kleidung an, die schon die Vorfahren im Polen des 18. Jahrhunderts getragen haben, der konspirativen Sprache, die neben Amerikanismen je nach Herkunft anders zusammengesetzt ist, der Abwesenheit von Fernsehern, den Perücke tragenden Frauen, der omnipräsenten sozialen Kontrolle und den vielen Vorschriften, die es unter Androhung des Ausschlusses aus der Gemeinschaft nicht zu übertreten gilt.

Menashe arbeitet im koscheren Lebensmittelladen, die Kleidung ist traditionell, sein Sohn geht auf eine Tora-Schule, man besucht regelmäßig den Rabbi. Der Papa befolgt die Regeln der Religion, aber sein Familienleben möchte er doch selbst bestimmen. Und obwohl Vater und Sohn gut miteinander auskommen und richtig viel Spaß haben, darf Menashe Rieven nur zu abgesprochenen Zeiten sehen. Denn seine sittenstrengen Verwandten wollen ihm seinen Sohn entreißen versuchen, so lange keine neue Frau im Haushalt ist. Menashes Frau starb vor einem Jahr. So befiehlt es die Thora. Der hin- und hergerissene Junge steht seinem herumalbernden und nicht gerade zuverlässigen Vater sehr nah, kann sich aber auch dem übergriffigen Einfluss der Onkel und Tanten nicht entziehen.

Regisseur Joshua Z. Weinstein war Dokumentarfilmer, und dokumentarisch ist auch sein Blick auf die Menschen in Borough Park. Hier gelten noch Frauen, die Auto fahren, als „nicht normal“. Ehe und Kinder sind zwar das Wichtigste, aber die Männer klagen heimlich, dass ihre Frauen jedes Jahr ein weiteres Kind wollen. Menashe trägt zwar nicht Hut und Mantel wie die anderen, ist aber auch kein Rebell. Was den Film umso glaubhafter macht. Er verstößt gegen Kleidervorschriften, versteckt seine Schläfenlocken hinterm Ohr, torpediert die von der Gemeinschaft vorgeschriebene Partnerinnensuche, da es ja schon mit seiner arrangierten erste Ehe nicht funktioniert hat. Und gelegentlich weiß er ein mit wilden Liedern ergänztes Saufgelage zu schätzen. Das hindert ihn aber nicht an seinen täglichen Gebeten oder der Einhaltung der ein oder anderen Vorschrift, so wie er auf seine Art seinem Glauben die Treue hält. Er hat nur eigene, sehr vernünftige Ansichten übers Leben, die Ehe und die Inhalte der Tora-Stunden.

Mit tollen Laiendarstellern gewährt dieser Film einen bemerkenswert authentischen Einblick in diese abgeschlossene Gesellschaft. (Aachen: Apollo)

„Menashe“ (USA 2016), Regie: Joshua Z. Weinstein, mit Menashe Lustig, Yoel Falkowitz, Ruben Niborsk, Meyer Schwartz, 82 Min., FSK: ab 6

(ghj)
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