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Aachen: Imponierende Leistung der Chöre

Aachen : Imponierende Leistung der Chöre

Zu großer Beliebtheit hat es Hector Berlioz schon unappetitlich monumentale „Grande messe de morts” in Deutschland nie gebracht.

Also jenes „Requiem”, das oft erwähnt, aber selten aufgeführt wird. Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch nahm diesen apokalyptischen Kanonenschlag zum Anlass, singende Heerscharen aus Aachen und Umgebung zu einem Riesenchor zusammenzuschweißen, mit dem sich die Widmungsträger, die Toten der Juli-Revolution, eher erwecken als in die „ewige Ruhe” führen ließen.

Aus Aachen waren der Opernchor des Theaters, der Sinfonische Chor sowie die „Cappella Aquensis” vertreten, die Herrenriege wurde durch Stimmen aus drei Kölner Chören und dem ChorWerk Ruhr verstärkt. Die Einigung der von Frank Flade, Thomas Beaujean und Philipp Ahmann einstudierten Gruppen zu einer singenden Solidargemeinschaft verdient schon als gewaltige organisatorische Leistung Anerkennung.

Auch künstlerisch hat sich die monatelange Vorbereitung gelohnt. Der Chor überzeugte durch Volumen und angesichts der massigen Fülle erfreuliche Flexibilität. Und die erforderliche Verstärkung der Männerstimmen führte zu einer ausgeglichenen Balance zwischen Damen und Herren.

Gründe, weshalb sich Berlioz „Requiem” in Deutschland nicht nur wegen des gigantischen Aufführungsapparats nie durchsetzen konnte, gibt es viele. Wenn vier mit schwerem Blech bestückte Fernorchester und (laut Partitur) zehn Schlagzeuger das „Jüngste Gericht” ankündigen, schlägt die klingende Artillerie so brachial ein, dass die Aufmerksamkeit für versöhnlichere Töne abstumpft.

Damit gebärdet sich das 1837 uraufgeführte „Kriegerdenkmal” wie ein extremer Gegenentwurf zum 17 Jahre jüngeren „Deutschen Requiem” von Brahms mit seiner Trost spendenden Wärme. Da die Fernorchester auf der Bühne des Eurogress die Hörer nicht räumlich verteilt unter Beschuss nehmen können wie im Rund des Pariser Invalidendoms, wo das Werk uraufgeführt wurde, blieben den Aachenern die letzten Konsequenzen des von Berlioz beabsichtigten klanglichen „Schleudertraumas” erspart.

Trotz der Materialschlachten im „Dies Irae” bemühte sich Bosch, überzogenes Pathos aufzufangen und spirituelle Schichten freizulegen. Allerdings bedient sich Berlioz in den ruhigeren Teilen ausschließlich konventioneller Mittel, die in süßliche Frömmelei abdriften.

Solo-Tenor Michael König zelebrierte das heikle „Sanctus” mit edler Stimme, hatte aber mit den Höhen zu kämpfen. Somit wurde man Zeuge einer ebenso seltenen wie seltsamen Begegnung mit einem Extrembeispiel säkularisierter Kirchenmusik, das die Sehnsucht nach „ewiger Ruhe” zwar nicht stillen kann, aber verdienstvolle Aachener Chöre zu einer imponierenden Gemeinschaftsleistung anregte.