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Aachen: Im Wirbel glühender Leidenschaften

Aachen : Im Wirbel glühender Leidenschaften

Mit dem Tanzstück „Carmen Flamenco” des Ballet Teatro Español de Rafael Aguilar startete die Stadt Aachen in den Kultursommer. Spanisches Flair wehte über den Katschhof.

Die Geschichte der unheilvoll schönen Spanierin wurde in einer Kombination aus Georges Bizets Oper und traditionellem Flamenco umgesetzt. Ein buntes Spektakel, das ein breites Publikumsinteresse fand. Kräftiger Applaus für alle.

Gespenstisch wallen Nebelschwaden im tiefen Dunkel der Bühne, glühende Farben, grelles Licht, dann wieder unheilvolles Grau: Die Menschen dieser Geschichte sind Marionetten eines unausweichlichen Schicksals, getrieben von ihren Leidenschaften und Sehnsüchten.

Rafael Aguilars Interpretation der Novelle Prosper Mérimées um Carmen, die Fabrikarbeiterin, die die Männer verrückt macht, die alle gesellschaftlichen Normen ignoriert, aber letztlich doch unglücklich bleibt und schließlich scheitert, setzt auf starke Kontraste und kraftvolle Körper.

1960 gründete Aguilar seine Compagnie, deren Tänzerinnen und Tänzer sowohl im klassischen Tanz als auch im traditionellen Flamenco ausgebildet sind. Seit 1999 reist man mit „Carmen Flamenco”, nur einem von vielen Stücken des Teatro Español, um die Welt.

Die „spanische Nacht” mit ihrer faszinierenden Kulisse zwischen Dom und Rathaus ist mild und schön - ein guter Start für den Kultursommer. Und damit sich schon vor dem ersten Flamenco-Schritt das Gefühl für sonnige Gefilde einstellt,schmettert als besonderer Gast der Tenor Mario Taghadossi, den Aachenern noch gut bekannt durch sein Engagement am Theater, ein paar glutvolle Arien.

Dann endlich Flamenco, fliegende Röcke, das Staccato der stampfenden Füße. In eine Collage aus Georges Bizets höchst feinsinniger, die Emotionen gefährlich verdichtender Oper und traditionellen spanischen Stücken - unter anderem von Pablo de Sarasate - entfalten sich die Bilder dieser alten und zugleich ewig jungen Story um Liebe, Macht, Begehren, Verstrickung und Untergang.

Da wirbeln die Akteure im magischen Takt, werfen sich Frauen und Männern in feurige Rhythmen. Die heftige Attacke wird zur Umarmung, die Anziehung zur bitteren Ablehnung. Wo sich Annäherung abspielt, lodert im nächsten Moment wieder der Kampf der Geschlechter, aber zugleich der Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Schichten.

Zierlicher höfischer Tanz - etwa in der Szene auf der Straße, wo Zigeuner und „feine Leute” auf einander treffen - kontrastiert mit archetypischer, massiver Körpersprache, die Originaltruppe aus Musikern und Sängerin mit eingespielten Orchesterstücken.

Hin und wieder sind hier tänzerisch wie musikalisch die Übergänge etwas abrupt, führt eine allzu theatralische Umsetzung zu ungewollter Heiterkeit in einem Publikum, das jedoch die Leistungen der engagierten Truppe unter der Leitung von Carmen Salinas zu honorieren weiß.

Ein Bühnenbild mit riesigem galoppierendem Stier und einem griechisch-nackten Torero, mit raffinierten Effekten, die bildhaft allerhand Anspielungen umsetzen - zum Beispiel Carmens Rebellion gegen religiöse Zwänge - sorgt für den imposanten Rahmen. Hier gibt es starke Momente, wenn etwa die in anthrazitfarbene Tücher gehüllte Frauen eine bedrohliche Mauer des Grauens bilden.

Insgesamt ein opulenter Abend mit einer hart arbeitenden Truppe, die selbst nach zwei Stunden noch Atem hat und bereitwillig Zugaben liefert. Die Zuschauer danken mit herzlichem Applaus.