1. Kultur

Toronto: Im Wintermantel am Klavier

Toronto : Im Wintermantel am Klavier

Er war bereits zu Lebzeiten eine Legende: Glenn Gould, eine der exzentrischsten Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die Personifikation eines am Rande des Wahnsinns wandelnden Genies, hat niemanden kalt gelassen, der sich für das Klavierspiel interessiert.

Am Mittwoch jährt sich sein Todestag zum 25. Mal. Er starb, gerade mal 50 Jahre alt, in seinem kanadischen Geburtsort Toronto. Kultische Verehrung und barsche Ablehnung trafen in solcher Wucht kaum einen anderen Künstler seines Formats. Gould selbst zog sich schon früh aus der Öffentlichkeit zurück, was seiner Person bisweilen die Aura eines Phantoms verlieh.

Als Kind sang er lieber den Elefanten im Zoo vor als brav den Eltern vorzuspielen. Als weltberühmter Pianist verabschiedete er sich schon mit 32 Jahren von den Konzertpodien und musizierte nur noch im Studio, auf seinem alten Klavierhocker aus Kindertagen kauernd, oft in einen abgeschabten Wintermantel gehüllt. Er hatte Züge eines Autisten, teilte sich dafür aber zu aufgeschlossen in Interviews und Buchveröffentlichungen mit.

Langsames schnell

Was die Eigenwilligkeit seiner Interpretationen angeht, schien er sich jedoch tatsächlich auf einem einsamen Stern zu fühlen. Er spielte langsame Sätze schnell oder noch langsamer als andere, Schnelles langsamer oder noch schneller als gewohnt. Er formte Staccato-Passagen mit breitem Legato und umgekehrt. Mozart, Beethoven und Chopin schätzte er eher gering ein und spielte sie lustlos herunter. Dafür erwärmte er sich für Hindemith, Grieg, Schönberg und englische Renaissance-Meister. Den Mittelpunkt seines Schaffens bildete jedoch Bach. Jener Meister, der mit seiner abstrakten Musik besonders große interpretatorische Freiräume lässt, die Gould inspirierten und die er immer wieder mit überraschenden Wendungen nutzte. Seine Einspielung der „Goldberg-Variationen” aus dem Jahre 1981 wird wie eine Reliquie gehandelt.

Wer den ganzen Gould zumindest akustisch erleben möchte. kann dies in einer Sony-Collection mit 80 CDs tun. Übrigens: Ein Autogramm von Glenn Gould gibt es beim New Yorker Autographenhändler Roger Gross - für schlappe 2475 Dollar.