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Aachen: „Im Weißen Rössl” steht sogar die Liebe auf der Speisekarte

Aachen : „Im Weißen Rössl” steht sogar die Liebe auf der Speisekarte

„Aaaber meine Herrrschaften...!” Wenn es um die nervigen Touristen in karierten Reisekostümen geht, hat der fesche Leopold alles im Griff, doch in Liebessachen wirft er schon mal ein zuckriges Lebkuchenherz auf den Boden und läuft schmollend davon.

Mit Ralph Benatzkys Singspiel „Im Weißen Rössl” nach dem Libretto von Hans Müller & Erik Charell sowie Liedtexten von Robert Gilbert, sorgt das Grenzlandtheater Aachen für einen beschwingten Jahresabschluss.

Regisseur Ulf Dietrich hat aus dem Stück, das als eines der wichtigsten Werke der „Berliner Operette” gilt und 1930 im dortigen Großen Schauspielhaus uraufgeführt wurde, eine Folge von liebenswerten Miniaturgeschichten geformt, die gemeinsam ein buntes, abwechslungsreiches Bild mit gut gelungenen Tanz- und Gesangseinlagen ergeben. Abgerundet wird das Ganze durch zünftige Livemusik auf der Bühne mit Stefan Langenberg (Akkordeon), Thomas Wille (Kontrabass) und Martin Rohdich (Gitarre) in alpenländischer Kostümierung.

Drei Paare

Gleich drei Lovestorys, ein poltriger Streit und ein paar kauzige Typen im komischen Mix - was kann man sich mehr wünschen? Bühnenbildner Charles Copenhaver hat für eine Art Puppenstuben-Szenerie gesorgt, die mit Alpenpanorama, Seeblick, röhrendem Hirsch und friedlichen Kühen die Wolfgangsee-Idylle prägt. Das berühmte „Weiße Rössl” ist eine Art Wetterhäuschen mit roten Geranien, zwei Türen und Balkon. Die Abmessungen sind so klein gehalten, dass die Akteure stets ein wenig zu groß wirken, allein das ist schon putzig. Ensemble und Regie finden die ideale Ausgangsbasis, um die Skala zwischen Komik, Romantik und skurrilem Witz rauf- und runter zu spielen.

Als alleinstehende Frau mit Biss gibt Daniela Hüthmair der schlanken „Frau Chefin” im edlen Dirndl Format. Axel Herrig ist ein herrlich arroganter gut aussehender Kellner, der einerseits blasiert seinen Job erledigt, andererseits österreichisch-überschwänglich als verliebter Gockel an den Rand der Verzweiflung gerät. Niedlich und schwungvoll in Gesang und Tanz das drollige Paar „Sigismund” und „Klärchen”, mit Nadine Eisenhardt und William Danne optimal besetzt. Sie sind das Pendant zu Axel Weidemann (Dr. Siedler) und Sarah Schütz (Ottilie), die die Verliebten aus „besserer” Gesellschaft mimen. Und selbst bei ihnen findet die Regie komische Überraschungen wie etwa die Kletterei über Balkonbrüstung und Plastikgeranien.

Für den deftigen Kontrast bei all dem rosigen Zuckerguss sorgt Michael Hiller als waschecht schwadronierender Berliner Fabrikant Giesecke, dem am Wolfgangsee zunächst überhaupt nichts passt und der zum Schluss in Krachledernen zufrieden beim Heurigen mitsingt.

Selbst hier wieder ein Gegenüber: Ernst Wilhelm Lenik verkörpert den verschrobenen Professor Hinzelmann mit kleiner Reisekasse und großem Herzen, der wunderbar feinsinnig ist, aber durchaus das Tanzbein schwingen kann, wenn es heißt: „Im Salzkammergut, da kammer gut lustig sein!” Das Team wird komplett durch Till Nau als frechem Piccolo, der übrigens für die bühnengerechten Choreographien sorgt. Heike M. Schmidt hat alle typgerecht, hübsch und (besonders bei den Damen) appetitlich angezogen.

Insgesamt gelingt Ulf Dietrich die schwierige Gratwanderung zwischen ironischer Überzeichnung und freundlicher Hinwendung zu Evergreens und kleinen Sentimentalitäten. Für alle ein vergnüglicher Abend. Beim kräftigen Applaus hält es niemanden mehr auf seinem Sitz.