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Aachen: Im Waschsalon schleudern nur so die Pointen

Aachen : Im Waschsalon schleudern nur so die Pointen

Jetzt sichern Sie sich erst mal Karten, sonst sind sie weg. Lesen können Sie immer noch. Da hat das Theater Aachen am Ende der Spielzeit noch mal einen richtigen Kracher herausgebracht.

Rossinis komische Oper „La Cenerentola” ist nämlich die reine Freude. Erstens komisch, zweitens Oper. Was will man mehr.

Das geht schon mit der Ouvertüre los. Den Stab schwingt Péter Halász, der neue Kapellmeister in seiner ersten Produktion. Alles fließt duftig und locker dahin, die Klarinette keckert, die Oboe spitzt das Mündchen, und das Blech fetzt einen knappen Tusch hinein. Sehr zusammen, sehr rein, sehr musikalisch gedacht und gemacht. Bravo!

Publikum gluckst vor Vergnügen

Als dann das erste schnurrende, typische Rossini-Crescendo in Fahrt kommt, öffnet sich der Vorhang, und das Publikum gluckst vor Vergnügen: Aschenputtel steht im Waschsalon, deckenhoch blicken 60 Waschmaschinen mit ihren Bullaugen auf das Mädchen im blauen Kittel und sein Bügelbrett. Vom Himmel flattern Hochzeitskleider, im Hintergrund stapelt sich die Buntwäsche bis zur Decke. Cenerentola plättet und will so gern eine Prinzessin sein. Deshalb schaut sie fern - William und Kate flimmern aus der Kiste überm Putzmittelschrank.

Joan Anton Rechi inszeniert erstmals mit dem Aachener Ensemble und entfacht gleich ein Fest an Spielfreude. Nun darf man das bei Rossinis musikalischen Lustspielen ruhig, halten sie doch für jeden Sänger-Darsteller nicht nur dankbare Gesangspartien, sondern auch überaus schillernde Figuren bereit. In Aachen zicken die beiden Schwestern Tisbe und Clorinda (Astrid Pyttlik und Eva Bernard) in wunderbar schrillen Klamotten nach Herzenslust herum. Sie quietschen und schreien, knuffen und raufen sich um die Gunst des vermeintlichen Prinzen, dass es eine Lust ist.

Herrlich, wie sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit gemeinschaftlich in Ohnmacht fallen: ein Running Gag mit Ansteckungspotenzial, wie die Inszenierung zeigt. Zwischen diesen beiden appetitlichen Dämchen stakst Hrólfur Saemundsson als Diener Dandini herum wie der Storch im Salat, mit stetig wachsender Freude an seiner geliehenen Prinzenrolle. Schauerlich-schön gesungen ist dieser Bühnenspaß dann auch noch, ganz körperlich gehen die Koloraturen den drei Witzfiguren von der Gurgel.

Ein wenig bange sein durfte einem vor der Premiere allerdings schon, ob die immensen Anforderungen eingelöst werden können, die Rossini an die Gelenkigkeit der Protagonisten-Kehlen stellt. Die Partie der Angelina zählt schließlich zu den Bravour-Rollen der großen Mezzos dieser Welt, allen voran Cecilia Bartoli. Dass Leila Pfister, seit 2009 fest am Theater Aachen, die halsbrecherischen Arien des Aschenputtels derart hinreißend meistern kann, ist dann schon eine Sensation. Böswilligerweise hat Rossini das Glanzstück der Oper, das „Non piu mesta” auch noch an den Schluss gesetzt - da muss die Sängerin mit ihren Kräften haushalten können. Leila Pfister schnurrt das ab, als wärs nichts.

Zu allem Überfluss ist dem Theater mit der Verpflichtung des Tenors Tansel Akzybek ein Glücksgriff gelungen. Er hat eine so wunderbar helle, lyrisch klingende Höhe, dass einem vor Wonne schon beim ersten Rezitativ ganz wohl wird ums Herz. Sein Don Ramiro glänzt in jeder Lage, die Spitzentöne knallen nach Belieben. Und verdammt gut sieht er auch noch aus, der mediterrane Lockenkopf, der in Berlin zur Welt kam und in Izmir studierte. Wohlklang verbreiten überdies Pawel Lawreszuk als weiser Alidoro und Rolf A. Scheider, der den Don Magnifico sehr überzeugend und klanglich vielschichtig gestaltet. Dass kein Momentchen Langeweile aufkommt bei diesem immerhin dreistündigen Opernabend, ist zuvorderst Verdienst des Regisseurs.

Er weiß sich jedoch einig mit seinem Team: dem Kostümbildner Sebastian Ellrich, der die textilen Pointen sicher und klamaukfrei setzt; sowie dem Bühnenbildner Alfons Flores, dessen Waschmaschinen sich bruchlos in gräfliche Kassettendecken verwandeln können, selbstverständlich waschen, aber auch Geschirr spülen und Chorsängern Fenster sind.

Beim furiosen Gewitter im zweiten Akt läuft das Schleuderprogramm ab, aus den Trommeln blitzt, im Graben donnert es. Bei derart prächtigen Ideen sieht man gern über einige Ungereimtheiten hinweg, die der Regie zu Rossinis Endlos-Ensembles einfallen, etwa einer Art Casting-Show mit Mikrofon-Zaubereien. Man darf sich amüsieren bis zum Schluss, an dem dann wieder der Gesang, die Essenz der Kunstform Oper, Triumphe feiert. Das Publikum ist aus dem Häuschen und dankt mit Ovationen.

Rossinis Oper „La Cenerentola” im Theater Aachen. Die weiteren Vorstellungstermine: 23., 25. Juni, 19.30 Uhr; 1. Juli, 20 Uhr; 10. Juli, 18 Uhr; 17. Juli, 15 Uhr; 20. Juli., 19.30 Uhr.