1. Kultur

Interview mit Domorganist Michael Hoppe: Im Schatten von „Stille Nacht“

Interview mit Domorganist Michael Hoppe : Im Schatten von „Stille Nacht“

Musik kann Finsternis vertreiben. Das gilt nicht nur für Weihnachten und das Heiligabend-Lied „Heiligste Nacht“. Warum das so ist, darüber spricht der Aachener Domorganist Michael Hoppe im Interview mit Peter Pappert.

Haben Sie ein Lieblingsweihnachtslied?

Hoppe: „Adéste, fidéles“– „Nun freut Euch, Ihr Christen“. Das ist mein Favorit.

Lassen Sie uns trotzdem über „Heiligste Nacht!“ sprechen.

Hoppe: Sehr gerne.

Ist „Heiligste Nacht!“ für Sie ein Weihnachtslied unter vielen oder eines, das Sie besonders schätzen?

Hoppe: Es ist insofern besonders, als der Text speziell auf die Heilige Nacht – auf Heiligabend – gerichtet ist. Man kann „Heiligste Nacht!“ eigentlich nur am Weihnachtsabend singen. Am Ersten Weihnachtstag, wenn’s draußen hell ist, passt es nicht mehr richtig. Es steht immer etwas im Schatten von „Stille Nacht, heilige Nacht!“ Vom Charakter her sind sich beide ähnlich.

„Heiligste Nacht!“ – lässt sich das Adjektiv heilig überhaupt steigern?

Hoppe: Eigentlich nicht.

Dom-Organist in Aachen: Michael Hoppe. Foto: Andreas Steindl

Was heilig ist, ist heilig. Heiliger geht es nicht.

Hoppe: Ja – mehr geht nicht.

Die Musik von „Heiligste Nacht!“ wirkt besonders feierlich.

Hoppe: Das stimmt.

Viel feierlicher und erhabener als „Stille Nacht, heilige Nacht!“

Hoppe: Ja, das hat musikalische Gründe. Wie kommt diese Wirkung zustande? Bei „Stille Nacht, heilige Nacht!“ haben wir von den Intervallen – von der Melodie – her relativ kleine Schritte. „Heiligste Nacht!“ aber beginnt direkt mit einem großen Bogen: mit einer Quarte nach unten, was schon ein ziemlich großes Intervall ist, und dann gleich die Sexte nach oben. Bestimmte Intervalle haben eine gewisse Wirkung. Wenn Sie große Intervalle wählen, neigt die Musik zu Feierlichkeit oder auch Pathos. Das merkt man am Anfang dieses Liedes sehr deutlich. Danach verläuft sich das Lied ein wenig.

Zunächst mal ...

Hoppe: Ja, denn mit der Textstelle „Kommet, Ihr Christen“ setzt sich das Ganze wieder in Bewegung. Der Rhythmus wird schneller, der Charakter des Anfangs wird wieder aufgenommen und steigert sich. Diese große Bandbreite der Intervalle kann das Gefühl von Feierlichkeit vermitteln.

Das ist also keine Einbildung.

Hoppe: Richtig.

Der Komponist hat es bewusst so angelegt.

Hoppe: Wir können ihn leider nicht interviewen. Aber Intervalle werden von Komponisten ganz gezielt gesetzt, um einen Effekt – oder besser Affekt – zu erzielen.

Die Musik erhebt sich und wirkt erhebend.

Hoppe: Ja, und dieses Pathetische haben Sie bei „Stille Nacht“ weniger. Da steht eher der besinnliche Charakter für mich im Vordergrund.

„Finsternis weichet, es strahlet hienieden lieblich und prächtig vom Himmel ein Licht“, heißt es im Text. Ist Musik etwas, das mit Licht verbunden wird?

Hoppe: Das kann so sein. Man darf die Wirkung von Musik nicht unterschätzen. Musik kann etwas ausdrücken, wo die Sprache aufhört. Sie bringt Empfindungen zum Ausdruck. Das Gespür dafür war in früheren Zeiten noch viel größer. In der Barockzeit standen bestimmte Tonarten oder Tonfolgen für bestimmte Inhalte. D-Dur steht bei Johann Sebastian Bach – im Barock also – für festliche Musik. Die Affektenlehre war damals viel stärker verbreitet. Wenn man medizinisch untersuchen würde, wie Menschen auf bestimmte Tonarten reagieren, käme man zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Das Empfinden von Licht und Musik ist in der Regel etwas Angenehmes, etwas Erfreuliches. Vertreibt Musik die Finsternis?

Hoppe: Ja, das kann so sein. Mir ist das schon oft so ergangen: Man kommt mit einem Problem nach Hause, man ist traurig; dann setze ich mich nochmal ans Instrument und spiele etwas. Das tut mir gut. Denn Sie können damit etwas ausdrücken oder verarbeiten, das Sie, indem Sie es nur verbalisieren, nicht bewältigen können. Das ist eine andere besondere Ebene.

„Kommet, Ihr Christen, o kommet geschwind! Seht da die Hirten, wie eilig sie sind.“ Könnte dieser Text, wenn Sie das Stück auf der Orgel spielen, Sie veranlassen, schneller zu spielen?

Hoppe: Das ist schon in der Melodie drin. Das wollte der Komponist so ausdrücken.

Text und Musik sind von demselben Mann: Christoph Bernhard Verspoell.

Hoppe: Das stimmt nicht ganz. Verspoell hat es 1829 in Münster verlegt, aber es kommt wahrscheinlich aus dem bayerischen Raum, und jemand Anderer ist der Komponist.

Wer auch immer – er wollte es flott.

Hoppe: Man muss als Organist in der Tat an dieser Stelle aufpassen, wie schnell man das Grundtempo wählt, damit die Gemeinde mitkommt.

Ist das auch eine Frage der Gewohnheit? In der Aachener Pfarrkirche St. Laurentius zum Beispiel legt der dortige Kantor Gregor Jeub die Musik in der Messe ziemlich flott an. Wer das gewohnt ist, empfindet die Orgelmusik in anderen Kirchen häufig als reichlich lahm.

Hoppe: Eine positive Erziehung in diese Richtung, wie Gregor Jeub es macht, ist gut. Es gibt aber auch Kollegen, die nicht auf die Bedürfnisse einer Gemeinde eingehen und immer vorneweg sind. Andererseits können Sie auch nicht nur Rücksicht nehmen, wenn eine Gemeinde immer langsamer wird; dann bekommen Sie keinen Schwung hinein.

Wenn Sie an der Orgel sitzen und nur die Musik von „Heiligste Nacht!“ spielen, ohne dass jemand dazu singt, hören Sie dann nur die Musik oder auch den Text?

Hoppe: Ich höre einzelne Passagen. Wenn ich über Lieder improvisiere, was ich häufig mache, nehme ich einzelne Aspekte heraus und interpretiere sie klangmalerisch. Das fängt mit der Registrierung an. „Heiligste Nacht!“ können Sie als große festliche Orgelmusik spielen. Oder Sie entwickeln es aus der ruhigen besinnlichen Nachtatmosphäre.

Es geht also sowohl mit Pathos, als auch mit Ruhe.

Hoppe: Ja.

Wie entscheiden Sie dann im Einzelfall, ob sie es mit Pathos oder mit Ruhe spielen?

Hoppe: Bei der Improvisation geschieht das spontan – aus dem Bauch heraus; es kommt auf die eigene Stimmungslage an.

Gehört „Heiligste Nacht!“ unbedingt zur Christmette?

Hoppe: Es gehört dahin, aber nicht unbedingt. Wenn Sie die Wahl haben zwischen „Stille Nacht“ und „Heiligte Nacht!“, wäre es ein Sakrileg, „Stille Nacht“ rauszulassen. Im Ranking hat „Stille Nacht“ eindeutig Vorrang.

Die Christmette ist etwas sehr Besonderes. Gilt das auch für den Organisten?

Hoppe: Oh, ja. Die Atmosphäre ist schon besonders. Ihm Jahreskreis gibt es zwei große Gottesdienste: Heiligabend und die Osternacht. Vieles wiederholt sich, man kennt die Abläufe, man gewinnt im Laufe der Zeit Routine, aber die Erwartung der Menschen, die da sind, ist immer groß, von der Feier emotional ergriffen zu werden. Da hat man als Kirchenmusiker eine große Verantwortung.