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Köln: Im Dunkel gehen die Schwestern dem Schafott entgegen

Köln : Im Dunkel gehen die Schwestern dem Schafott entgegen

Francis Poulencs Oper nach Le Fort und Bernanos „Dialoges des Carmälites” (Gespräche der Karemliterinnen) ging in den fünfziger und sechziger Jahres über die grossen Bühnen Europas und Amerikas.

1970 konnte man dem Werk in einer Hartleb-Inszenierung auch in Aachen begegnen. Neuerdings wird das Stück wieder häufiger gespielt - auch in der Kölner Oper, die 1957 bereits die deutsche Erstaufführung herausgebracht hatte.

Das dramaturgische Problem des Werkes besteht in der Diskrepanz von Poulencs wunderschöner Musik, die Wohlklang verströmt, verführerisch changiert zwischen mystisch-impressionistischer Klangaura und elegantem melodischem Charme, zwischen religiöser Empfindsamkeit und kleinformatigem Raffinement sowie einer tiefenpsychologisch bohrenden Handlung vor dem Hintergrund der Französischen Revolution.

Das Schicksal der kleinen Blanche, die, um ihre psychopathische Angst zu überwinden, in den Karmel von Compiègne eintritt, um am Ende freiwillig mit ihren Mitschwestern den Tod auf dem Schafott zu erleiden, wird vom Komponisten nicht dramatisch sondern eher episch abgehandelt.

Es fehlen die kräftigen Kontrastsetzungen etwa zu den Schergen der Revolution. Damit läuft Poulenc zwar der Gefahr veristischer Knalleffekte, erreicht aber auch nicht die Dichte, mit der etwa Schönbergs Expressionismus das Phänomen der Angst in den Griff bekam. Umso mehr müsste die Regie hier helfend einspringen.

Doch davon ist Marina Pfaff „nach einem Konzept von Günter Krämer” - wie es offiziell heisst - weit entfernt. Die permanent dunkle Bühne von Gottfried Pilz, leer, nur mit ein paar Stühlen bestückt, bleibt Folie für eine Art von atmosphärelosem szenischen Oratorium, das allenfalls in der Schlussszene, dem Entkleiden der Opfer und ihrem singenden Opfergang berührende Dichte gewinnt.

Ansonsten bewegt sich das alles trotz gelegentlicher Hintergrund-Andeutungen (Leichen von Männern, der riesenhaft angedeuteten Guillottine) im Bereich des Spannungsarm-Vagen. Abgesehen davon wirkt die dreistündige Dunkelheit ermüdend.

Bleibt szenisch also manches problematisch und ausgedünnt, so liegt das musikalische Niveau umso höher. Das von Rainer Mühlbach geführte Gürzenich-Orchester kostet Poulencs weiche Klangvaleurs ungemein differenziert aus. Nicht minder schön der von Horst Meinardus präparierte Frauenchor.

Heldin des Abends aber ist Julia Kaufmann, die mädchenhafte Blanche, die gesanglich wie darstellerisch ein gleich packendes, von leuchtendem Sopranglanz getragenes Rollenproträt hinstellt. Rita Gorr, die bereits 1957 in der französischen Erstaufführung dabei war, gab der Sterbeszene der alten Priorin brüchige Realistik.

Allen anderen des umfangreichen Nonnen-Ensembles, an der Spitze Karen Armstrong als Mutter Maria, ein Gesamtlob.

Gut besetzt auch die Männerrollen mit Andrew Collis (Marquis), Hauke Möller (Chevalier), Alexander Fedin (Beichtvater) und anderen. Sehr viel Beifall.