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Aachen: Im Chaos zwischen Hass und Liebe: Lessings „Miss Sara Sampson” in den Kammerspielen

Aachen : Im Chaos zwischen Hass und Liebe: Lessings „Miss Sara Sampson” in den Kammerspielen

Zu Beginn fragte man sich noch, warum die Beine der beiden Hauptdarstellerinnen bei der Premiere am Freitagabend in den Kammerspielen mit blauen Flecken bestückt waren.

Die Verwunderung war gänzlich verflogen, als Sara alias Aylin Esener und Marwood alias Susanne Storck am Ende bis auf die Haut durchnässt und völlig abgekämpft den kräftigen Schlussapplaus entgegennahmen.

Mit einer wilden und aggressiven Inszenierung hauchte Regisseurin Lydia Bunk dem Trauerspiel „Miss Sara Sampson” von Gotthold Ephraim Lessing neues Leben ein.

Bunk hat das Stück aus dem 18. Jahrhundert in das Filmmilieu von heute verpflanzt: Einziger Spielort ist das Hotelzimmer von Mellefont (Markus Heinicke), ein Raum mit elektrischer Schiebetür und abgerundeten Ecken, einem tatsächlich mit Wasser gefüllten Swimmingpool und einer Videoleinwand (Bühnenbild: Bettina Bender).

Ein abgewetzter Ort, an dem das frisch verliebte Paar, Filmregisseur Mellefont und Schauspielerin Sara, auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft von der Vergangenheit aufgehalten wird.

Denn Marwood, Mellefonts abgelegte Geliebte und ebenfalls Schauspielerin, widersetzt sich ihrem Schicksal der Verlassenen und will den Filmregisseur zur Rückkehr bewegen - erst mit scheinbarer Toleranz, dann mit handfesten Hieben. Gleichzeitig will Saras Vater (Ulrich Haß) seine Tochter zurückholen.

Hervorragend herausgearbeitet ist die Rolle des Mellefont, der dreimal eine deutliche Persönlichkeitsänderung durchmacht. Heinicke setzt sie jedes Mal überzeugend mit schauspielerischer Glanzleistung um.

Erst ist Mellefont der verführerische, selbstsichere Dandy, der sich locker zum Frühstück eine Linie Koks durch die Nase zieht. Dann wandelt er sich in den von Marwood samt Tochter Arabella (Nina Weiß) eindringlich Bedrängten, zwischen Verantwortung für seine alte Geliebte und Liebe zu seiner neuen Zerrissenen.

Zum Schluss ist ihm angesichts der um ihn kämpfenden Frauen nur noch seine Freiheit wichtig. Am Ende also kein Freitod, wie die Vorlage es vorsieht.

Auch Sara muss nicht sterben, der handfest ausgetragene Kampf mit Marwood bleibt unentschieden. Denn: Sie leidet zwar eindrücklich unter dem Streit mit dem Vater und macht viele Kompromisse, um Mellefont zu halten.

Tatsächlich ist sie aber eine selbstsichere, moderne und emotionsstarke Frau, die sich nicht von der lebenserfahrenen Marwood einschüchtern lässt.

Esener und Storck bringen zwei intensive Bilder von Frauen auf die Bühne, die wissen, was sie wollen. Wenn sie sich gegenseitig an den Haaren zerren, treten, schlagen und sich schließlich im Pool bis zur Erschöpfung martern, ist das der wilde Höhepunkt von ihrer Liebe und ihrem Hass.

Diese ungeheure Gefühlsintensität lässt Mellefont schließlich fliehen und hinterlässt auf der Bühne ein Chaos. Eine sehr gelungene, moderne Inszenierung.