Aachen: „Ich-Kollektiv“ auf Traumreise: „Orlando“ in der Kammer

Aachen: „Ich-Kollektiv“ auf Traumreise: „Orlando“ in der Kammer

So vielschichtig wie das Ich der Hauptfigur, so vielschichtig ist die Erzählkunst dieser Inszenierung in der Kammer des Theaters Aachen. Dabei ist es durchaus ein Wagnis, „Orlando“, den opulenten Roman von Virginia Woolf, auf die Bühne zu bringen. Der Adlige wird von Königin Elisabeth I. zum Unsterblichen erklärt und durchlebt fortan eine Reise durch 400 Jahre Zeitgeschichte.

Er verliebt sich hoffnungslos in die geheimnisvolle Russin Sascha, bereist als Botschafter ferne Länder und erwacht nach einem siebentätigen Schlaf als Frau.<p> Um diese facettenreiche Erzählung in 150 Minuten zu packen, bedient sich das Team um Regisseur Paul-Georg Dittrich der vollen Palette narrativer Mittel. Teile des Geschehens spielen sich auf Monitoren, hinter einer Schattenwand, in beweglichen Bilderbüchern oder Miniatur-Schaukästen ab. Versteck für die vielen Utensilien ist der große graue Baum, der quer über die Bühne wächst (Bühne und Kostüme: Pia Dederichs). Wie aus einer Zauberkiste kramen die Darsteller immer wieder neue Gegenstände daraus hervor und nehmen dann selbst die Kamera in die Hand, um die neuen Bilder „live“ in Szene zu setzen.

Es gibt keine Grenzen

Lara Beckmann, Nadine Kiesewalter, Katja Zinsmeister und Philipp Manuel Rothkopf laufen dabei als „Ich-Kollektiv“ zur Höchstform auf. Im Eiltempo wechseln sie ihre Rollen und Kostüme (vor den Augen der Zuschauer): Jeder von ihnen ist mal Orlando, mal einer seiner Weggefährten, mal Erzähler, mal Kameramann. Ob Mann als Mann, Frau als Frau oder Frau als Mann: Geschlechtergrenzen werden ständig überschritten. Gleichzeitig variiert die Erzählung vom ernsthaften Monolog bis hin zur komödiantischen Szene. Philipp Manuel Rothkopf glänzt dabei zum Beispiel als verrückt gewordener Dichter Nicholas Greene, Katja Zinsmeister als tollpatschige Erzherzogin Griselda.

Ob melancholisch oder lustig: Durch das harmonische Zusammenspiel gelingt es den Darstellern, die tausenden Ichs des Orlando nach außen zu kehren. Damit lassen sie gleichzeitig die Liebe der britischen Autorin zu ihrer Freundin Vita Sackville-West erwachen, die als Vorbild für die androgyne Figur Orlandos gilt.

Es ist die Mischung aus moderner Erzählkunst und Rückbesinnung auf die Romanvorlage, die der Inszenierung Kraft verleiht. Trotz technischer Effekte und medialem Crossover geht ein großer Teil des Zaubers auf den Originaltext zurück, der von den Darstellern perfekt — teilweise sogar synchron — vorgetragen wird. Entlang der fantasievollen Bilder begleiten diese Textpassagen den Zuschauer vom 16. Jahrhundert bis ins eigene „Jetzt“.

Eine sehenswerte Traumreise. Viel Beifall vom Premierenpublikum in der Kammer.

Mehr von Aachener Nachrichten