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Aachen: „Ich bin völlig normal, nur etwas kleiner”

Aachen : „Ich bin völlig normal, nur etwas kleiner”

Laura Zimmermann ist ein hübsches zwölfjähriges Mädchen, voll von Träumen, Plänen und auch mit Flausen im Kopf. Ganz normal eben. Nur ein gutes Stück kleiner als andere Menschen.

Wie schätzungsweise andere 100.000 Menschen in Deutschland leidet die Aachenerin unter einer der vielen unterschiedlichen Formen des Kleinwuchses. Ihre Behinderung hört auf den medizinischen Namen Archondroplasie: Bei ihr wächst der Rumpf normal, dafür bleiben Arme und Beine ziemlich kurz, der Kopf hingegen wird ein wenig größer als beim normalwüchsigen Menschen.

Vor zehn Jahren hat sich der „Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien” (BKMF), ein Verein von Betroffenen, gebildet. „Vorherige Zusammenschlüsse waren eher so etwas wie ein Kaffeekränzchen”, sagt Wolfgang Küssner, selber Vater eines kleinwüchsigen Sohnes und für den Vorstand tätig. „Wir wollen die Lebensumstände kleinwüchsiger Menschen verbessern.”

So wie die von Laura. Schnell stoßen ihre Träumereien an die harten Grenzen der Realität. „Die Leute starren mich die ganze Zeit an”, erzählt sie. „Mal mitleidig, dann starren sie kurz und dann schauen sie schnell weg. Auch mal belustigt, und dann zeigen sie mit dem Finger.” Lauras Vater, Bert Zimmermann, ist sicher: „Die Leute starren, weil Laura etwas besonderes ist, über das sie nichts wissen.” Informationen, Informationen und nochmal Informationen würde er deshalb am liebsten unters Volk bringen. „Auch nach zwölf Jahren mit Laura gibt es mir jedes Mal noch einen Stich, wenn ich sehe, wie meine Tochter wie ein komisches Tier betrachtet und begutachtet wird.”

Das deckt sich mit Lauras Erfahrungen. Ob sie sich denn nicht schon längst an die Blicke gewöhnt habe? „Nein. Eigentlich nicht.” Ihre Stimme wird still, sie schluckt. „Ich bemühe mich, schnell selber weg zu schauen. Und manchmal, wenn ich mich ganz mutig fühle, rufe ich denen was hinterher, ob sie ein Passbild wollen oder so.”

Nicht starren - ansprechen

Taktiken, damit kleinwüchsige Menschen sich im Alltag besser zurecht finden, gibt es eine Menge. Aber: Es fehlt den Menschen mit dieser Behinderung schlicht die „Publicity”. „Kleinwüchsig sein - das ist ein dicker Stempel, und dann musst du gucken, wie du damit ein Menschenleben lang fertig wirst”, sinniert Lauras Vater. Er würde sich wünschen, dass die Menschen ihn und seine Tochter direkt ansprechen, statt immer nur zu starren. „Direkter Kontakt würde gut tun.”

Auf die Frage, was sie in ihrem Leben einmal beruflich machen wolle, antwortet Laura: „Etwas Normales. Vielleicht Verkäuferin. Aber viele Menschen trauen mir ja nichts zu und denken, ich wäre geistig behindert.” Darauf legt sie Wert: „Ich bin völlig normal, nur etwas kleiner als andere.”

Ein Grund mehr für Zimmermann und Küssner, sich in der Vereinsarbeit zu engagieren. Ist der Verein im Innenverhältnis vor allem Informationsplattform für Betroffene (Welcher Arzt verlängert Arme und Beine? Welche Versicherung behandelt uns besser?), geht es nach außen vor allem darum, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass Menschen wie Laura keine „Freaks” sind, sondern ganz normale Menschen.

DIN-Normen machen Sorgen

Und auch gegen die Hürden des Alltags kämpft der Verein an. Beispiel DIN-Normen: Warum müssen Türklinken in einer Höhe von 107 Zentimetern und Lichtschalter in einer Höhe von 110 Zentimetern angebracht sein? In Lauras Schule sind die Türgriffe nicht zu hoch; dafür ist die Tür aber so schwer, dass Laura nicht allein auf Toilette kann - sie kann die Tür keinen Millimeter weit bewegen und braucht deswegen immer wieder Hilfe. „Da bekommt das Wort vom barrierefreien Bauen doch eine ganz neue Bedeutung: Es geht halt nicht immer um Rollstuhlrampen.”

Mehr dazu:

www.bkmf.de