1. Kultur

Aachen: Humor voll listigem Hintersinn

Aachen : Humor voll listigem Hintersinn

Und wieder gibt es viel zu entdecken: Zum zweiten Mal kann das Aachener Publikum Stücke, Lesungen und Autoren aus der jüngeren flandrischen und niederländischen Theaterszene kennen lernen.

Mit „Alice”, einem Roadmovie für die Bühne, konnten sich im Mörgens am Donnerstagnachmittag bereits die Kinder anfreunden, am Abend ließ sich ein etwas „gesetzteres” Publikum von der poetischen Produktion des Genter Theaters Kopergietery (Kupfergießerei) bezaubern.

Vor dem Hintergrund bewusst „unfertiger” Video-Einspielungen mit Kneipen- und Straßenszenen sucht ein flämischer „Paprikamensch” zwischen Kindheit und Reife höchst lustvoll nach Sinn und Unsinn des Lebens. Mit seiner Unterwäsche erinnert der faszinierende Solo-Spieler Jo Jochens an das weiße Kaninchen aus Lewis Carrols „Alice im Wunderland”, das hier das urwüchsige Flandern umfasst.

In ebenso schönen wie rauen „Menschenbildern” bietet es sich den Zuschauern unverstellt dar - ähnlich den amerikanischen Kino-Impressionen eines Paul Auster. Zwischen Bühnen-, Text- und Videomagie vollbringt der zauberhafte Jochens wahre Wunder mit seinem Humor, ungekünstelter Ausdruckskraft und listigem Hintersinn. Der Mensch als Universum auf der Suche nach anderen Planeten, das und vieles mehr offenbart die wunderbar „leichte” Inszenierung von Johan De Smet, die großen Anklang beim Publikum fand.

Die anschließende Diskussion mit den Theatermachern aus Gent, verschiedenen Regisseuren sowie Schauspielern von Theater Aachen und „Alice”-Zuschauern wurde von der Aachener Chefdramaturgin Heike Wintz und dem Kölner Dramaturgen Jörg Vorhaben souverän moderiert.

Interessant gestaltete sich der Bericht von Johan De Smet und dem Autor des Stücks, Pipijn Lievens, über die Theaterarbeit ihres Hauses „Kopergietery”. Das Thema des Gesprächs war mit „Tulpen, Fritten, Printen” prägnant umrissen und führte direkt zu dem etwas anderen Umgang, den die Nachbarn mit Bühne, Sprache und Darstellern pflegen.

Kay Wuschek, der am Theater Aachen „Mutterliebe” von Peer Wittenbols inszenierte, zeigte sich begeistert von dem unbefangenen Zugriff auch auf klassische Stoffe, von der lebendigen Sprache der Kollegen und der entspannten „Kollektivarbeit” am jeweiligen Stück. Aber auch in seiner Heimat drohe die Verflachung, merkte Lievens an, denn die großen Häuser begnügten sich längst mit Erfolgsmusicals und Kommerzstücken. Nur die kleinen regionalen Theater zeigten noch Mut mit ungewöhnlichen Aufführungen.

Alles fast verstanden

„Wir sind Bauern in der Stadt, aber Könige in der Provinz”, fasste der „Kopergietery”-Chef Lievens das Dilemma zusammen. Vorzüge und Nachteile von Repertoire- und En-suite-Theater kamen ebenso zur Sprache, gleich dreisprachig sogar - und alle verstanden (fast) alles.

Viel Erfolg haben unsere Nachbarn jedenfalls mit ihrer „kleinen Form” und der geschickten „Nischenfunktion” ihrer unprätentiösen Stücke und Inszenierungen, die sich gut für Tourneen eignen. Vielleicht sollte man ja hierzulande im Theater etwas einführen, was in Belgien sehr beliebt ist: Bei den Proben wird ganz unverkrampft Ball gespielt, was die Darsteller besonders locker und aufnahmefähig machen soll.