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Aachen: Hoffnung bleibt weiter eine Illusion:„Warten auf Godot” in den Kammerspielen

Aachen : Hoffnung bleibt weiter eine Illusion:„Warten auf Godot” in den Kammerspielen

Er war sein Leben lang auf Sinn-Suche. Vielleicht ist es das, was den Schriftsteller Samuel Beckett noch immer so faszinierend sein lässt, was Regisseure herausfordert und Schauspielern Höchstleistungen abverlangt.

Beckett heute: Für die Kammerspiele des Aachener Theaters nahm Barbara Beyer die Herausforderung an. „Warten auf Godot”, geschrieben 1952, uraufgeführt 1953 in Paris, lieferte dem damals 47-jährigen Beckett den ersehnten Durchbruch. Er selbst hat das Stück 1974 sogar selbst am Berliner Schiller-Theater inszenierte.

Barbara Beyer nahm sich des Stücks mit Feingefühl an. Lothar Baumgarte (Kostüme und Bühne) sorgte für trostlose, mit einer matten Blümchentapete bürgerlich beengend bespannte Wänden und für das mageren Bäumchen mit den nackten Ästen, das zur Stück-Tradition gehört und (sozusagen als Verfremdung) ab und zu aus seiner Verankerung gehoben wird.

Bereits die Auswahl der Akteure zeigt, dass sich Beyer einerseits sehr deutlich Becketts deprmierender Botschaft verpflichtet fühlt, andererseits eine heutige Sicht auf die Tiefen des Textes betont.

Die beiden Landstreicher Estragon (Denis Pöpping) und Wladmir (Laurens Walter) sind noch junge Männer mit „No-Future-Syndrom”, die auf besagten Godot warten. Von ihm erhoffen sie sich die Befreiung aus Not und Hoffnungslosigkeit. Ihre Jugend lässt die Situation noch bitterer wirken.

Flott und zum Teil skurril-witzig laufen die sinnvoll gestrafften Dialoge ab. Pöpping überzeugt in mürrisch-klotziger Art, Walter mit seinem eher versponnen-empfindsamen Wladimir. Sehr real rennen sie gegen die Wände ihres Lebens an, krachen mit den Körpern derart hart gegen die Begrenzungen, dass Risse entstehen. Aber es bringt nichts - das Warten, das Rennen, das Lamentieren.

Das zweite Paar: Der aufgeblasene, hohle „Pozzo” (Lorenz Claussen spielt ihn wunderbar dümmlich), den Barbara Beyer als abgetakelten Zirkusdirektor zeigt, und „Lucky”, den Pozzo am Strick führt, den er tyrannisiert und dressiert, obgleich Lucky „für ihn denkt, ihn einst alles gelehrt hat”.

Heino Cohrs, großer Senior-Mime des Hauses, ist in dieser Rolle ein bewegendes Erlebnis. Der leidende Lucky, versunken, abgestumpft gegenüber einer grausamen Umwelt, provoziert zugleich sein Umfeld, weil in seiner äußerlichen Schwäche eine geheimnisvolle, widerborstige Stärke liegt.

Sein zunächst wirrer, dann philosophisch angereicherter Monolog lässt das Publikum minutenlang den Atem anhalten. Kein Huster, kein Knistern, keine Umruhe im Raum. So ist das, wenn es gelingt, Spannung aufzubauen.

„Warten auf Godot” - ein Stück ohne Handlung, in dem dennoch eine Menge geschieht. Ein Stück über das Warten auf etwas, das nicht kommt, über die Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es im Moment erscheint und die menschliche Existenz ohnehin ihre Bedeutung - laut Beckett - noch nicht gefunden hat und vermutlich nie finden wird.

Geschickt sorgt Barbara Beyer für ein schillerndes Geflecht, das die Akteure zunehmend bannt und einspinnt, ihnen die Aussicht, und den Willen auf ein Entkommen nimmt.

Clowneske Aktionen durchziehen mit trauriger Skurrilität die gut strukturierten Szenen, wobei sich die Regisseurin selbst hier zurückhält und statt der oft geübten (und im Original auch vorgesehenen) Grobheiten auf subtilere Mittel setzt.

Ein nachdenklicher und zugleich unterhaltender Abend, der herausarbeitet, wie gegenwärtig Becketts Fragestellungen heute noch sind und wie sie unter die Haut gehen können.

„Warten von Godot”, Stück von Samulel Beckett. Kammerspiele Theater Aachen, 20 Uhr. Weitere Aufführungen: 2. 7., 16. April. Karten gibt es in allen Zweigstellen unserer Zeitung. Info 0241/5101192.