Aachen: Hitzige Fechtszenen auf kleinstem Raum beim Grenzlandtheater

Aachen : Hitzige Fechtszenen auf kleinstem Raum beim Grenzlandtheater

Degen klirren, Klingen blitzen silbrig auf, zack, zack, die Hiebe sitzen, Stiefel donnern, alles geht extrem schnell, der Kampf ist hitzig, das Geschrei laut, Cyrano schafft sie alle — und dabei spricht er auch noch in Reimen — eine enorme Aufgabe für Titelheld Thomas Ziesch, dem der Schweiß auf der Stirn steht.

Mit dem Stück „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostant zeigt das Grenzlandtheater Aachen einen traurig-romantischen Klassiker der französischen Literatur. Cyrano, der Poet mit der großen Nase, der für einen anderen die Liebesbriefe an die hübsche Roxane schreibt, obwohl er selbst hoffnungslos in sie verliebt ist. Cyrano, der großartige Fechter, der alle aus dem Feld schlägt, die über ihn spotten — und das sind viele. In seiner Inszenierung gibt Ulrich Wiggers dem Kampf einen besonderen Stellenwert.

Klaus Figge ist als Fechtchoreograph begehrt. Diesmal trainiert er die Akteure im Grenzlandtheater Aachen.

Das sorgt für eine Menge Action auf kleinstem Raum, Poesie in Bewegung, Leidenschaft. Damit das alles gut funktioniert, hat er sich einen Meister, den er schon lange kennt, ins Team geholt: Klaus Figge übernimmt die Fechtchoreographie in Aachen. Und bei dieser Probe ist er der Chef.

Damit die Treffer sitzen

Während sich die Mitglieder des Ensembles auf den provokanten Cyrano stürzen, sitzt der 75-Jährige still auf seinem Platz, ganz vorn auf der Stuhlkante, sehr aufrecht. Konzentriert beobachtet er die Akteure, der Kampf wird zum Tanz. „Denk an deine Attitüde, sei so arrogant wie möglich“, ruft er einem der jungen Kämpfer zu, der sich sogleich strafft und Cyrano ein „Strolch, lächerlicher!“ an den Kopf wirft, dann aber sehr schnell klein beigeben muss.

„Weiter, weiter, Tempo“, der Fechtmeister ist schon recht zufrieden. „Fuß, Fuß, Bauch, Gesäß, die vermeintlichen Treffer müssen sitzen, du musst die richtigen Bewegungen dazu machen, damit man dir glaubt!“ Denn die Kunst besteht darin, das Auge des Zuschauers perfekt zu täuschen und natürlich in Wahrheit unverletzt zu bleiben.

„Bei ihm habe ich selbst das Fechten und Akrobatik gelernt“, erzählt Ulrich Wiggers, der sehr stolz darauf ist, Figge in Aachen zu haben. Der Fechtmeister ist begehrt, reist durch die Opernhäuser von Berlin bis Wien, arbeitet bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen, bei der Ruhrtriennale, an der Semperoper in Dresden und bei den Nibelungenfestspielen in Worms, wird für Film- und Fernsehproduktionen engagiert.

Regisseure wie Peter Zadek, Jérôme Savary und Claus Guth bauen auf den Mann in Schwarz. Er stammt aus Essen, hat an der Sporthochschule Köln sein Diplom absolviert und danach noch an der Universität Köln die Fächer Germanistik und Geschichte studiert — schon damals mit Liebe zur Literatur.

Als Figge 1971 den Lehrauftrag für Bühnenkampf an der Folkwang Universität der Künste in Essen übernimmt, entscheidet er sich für das Theater und gegen eine sportliche Karriere. „Beides geht nicht“, sagt er. „Auf der Bühne muss man große Bewegungen zeigen, beim sportlichen Fechten geht es eher ökonomisch zu, ohne große Gesten.“ Ein Kampf, den Figge für die Bühne erarbeitet, soll gefährlich aussehen, aber ungefährlich für alle Beteiligten bleiben. Jeder Hieb, jede Drehung, jeder Schritt muss sitzen, die Körperhaltung muss perfekt sein, der Kämpfer ist stark beansprucht.

Und auch auf der Probenbühne in Aachen sind die Akteure bald sehr froh über eine Pause. Die weiße Linie, die hier den Rand der Bühne im Haus in der Elisengalerie markiert, ist absolutes Gesetz, eine magische Grenze. „Kein Klinge darf bei irgendeiner Bewegung über diese Markierung hinausragen, denn das wäre gefährlich“, sagt Figge. Denn selbst der kleine runde Knopf auf der Spitze jedes Degens ist keine Garantie dafür, dass ein Hieb nicht doch schmerzhafte Folgen haben könnte. Da heißt es: gut aufpassen! „Sportfechten ist viel gefährlicher“, meint Figge.

Acht Degen hat das Grenzlandtheater extra für die Cyrano-Inszenierung angeschafft — und 50 Klingen, denn da kann es in der Hitze des Gefechts schon mal zum Bruch kommen. Für Bühnenbildner Leif-Erik Heine gilt es, ein Bühnenbild zu schaffen, das genug Raum für turbulente Kämpfe bietet. „Alles ist in Kisten verstaut, die man verschieben kann“, verspricht er. „Da die Geschichte ja von einer Wanderschauspieltruppe umgesetzt wird, passt es gut.“ Gespielt wird in historischen Kostümen — ausgeliehen bei „Theaterkunst“ in Berlin.

Das Fechten ist für Klaus Figge ein wichtiger Teil des Stücks. „Man kann den Charakter eines Kämpfers am Fechtstil erkennen“, sagt er. Seine Szenen sind Bewegungsbilder, die mit dem Text verschmelzen, ihn hervorheben. „Unerfahrenen Akteure lernen eine Grundübung, die zunächst ganz langsam ausgeführt wird. Und dann immer schneller . . .“. Das „Schneller“ lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Rund 300 Gramm wiegt ein Theater-Degen.

„Solche Kämpfe sind Hochleistungssport und verlangen vollen Einsatz“, versichert Schauspieler Thomas Ziesch. „Man lernt dabei eine Fechtchoreographie wie den Text.“ Ziesch muss es wissen, denn er selbst ist Meister aller Waffen, von der Streitaxt bis zum Schwert, organisiert Massenschlägereien, trainiert auch schon mal einen Treppensturz oder mehr. „Im Thüringischen Staatstheater Meiningen habe ich selbst vor kurzem das Stück ,Cyrano de Bergerac‘ betreut“, meint er amüsiert. „Jetzt spiele ich ihn, das ist toll.“

Salto und Flickflack geübt

Und das mit einem Fechtexperten wie Klaus Figge, der langsam wieder zur Arbeit mahnt, denn im Hintergrund steht Regisseur Wiggers und wartet auf seinen Einsatz. „Ist das so in Ordnung, passt das zu deiner Regie“, fragt ihn sein Lehrer schmunzelnd. Was sonst? „König Klaus!“, nennt ihn Wiggers gern, der noch heute daran denkt, wie er bei ihm den Flickflack und Salto geübt hat. Und dann geht es weiter im Stück. Zwischen zwei, drei Fechthieben ruft Cyrano sehr glaubhaft: „ . . .denn beim letzten Verse stech ich!“ Und alle Angreifer stürzen davon.

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