Aachen: „Hiob”: Phantasievoll und leichthändig

Aachen: „Hiob”: Phantasievoll und leichthändig

So ein Schlamassel: Da hat man sich in jahrhundertealten Traditionen eingerichtet, vergisst kein Gebet, ehrt den Sabbat und versohlt den Söhnen, mit denen die inzwischen auf Gefriertemperatur abgekühlte Ehe gesegnet wurde, den Hintern.

Und dann klappt nichts mehr. Mendel Singer, „ein gottesfürchtiger und gewöhnlicher Jude”, verlässt samt Familie sein ostgalizisches Schtetl, weil die Tochter sich dort mit ungläubigen Kosaken amüsiert. Nach New York geht es. Der Erste Weltkrieg bricht aus. Ein Sohn fällt, ein anderer bleibt verschollen. Die Frau stirbt aus Gram, die Tochter wird verrückt. Und Mendel beginnt, an Gott zu zweifeln. Da kann nur noch ein Wunder helfen. Halleluja!

Was ließe sich nicht an Aktuellem aus Joseph Roths 1930 verfasstem Roman „Hiob” herausholen: Fundamentalismus, Emigration, Werteverlust. Zum Glück lässt Elena Finkel in der Aachener Kammer den Regie-Holzhammer stecken. Phantasievoll-leichthändig inszeniert sie am Handlungsskelett entlang, das Koen Tachelet in seiner Bühnenfassung von dem Roman übrig gelassen hat. Ihre Sympathie gilt den Figuren und nicht Thesen: Was sie auch machen, es ist zu verstehen. Denunziert wird niemand. Kaut man in Amerika Kaugummi, ist das kein Klischee, sondern bitternotwendige Migranten-Erstorientierung. Und so sind im Kleinen die großen Themen doch wieder da.

Dabei geht Finkel jeder Wehleidigkeitsfolklore aus dem Weg. Heil ist die untergehende Schtetl-Welt bei ihr nicht. Palisadenspitzen umrahmen ein Wohnküchen-Fort (Ausstattung: Mascha Deneke), in dem Krüppel Menuchim (Markus Weickert) von seinen Geschwistern in den Schrank gestopft wird.

Und wenn Thomas Hamm als Sohn Jonas, sonst ein großer Knuddel-Teddy, plötzlich verkündet, dass er die Enge des Hauses verlassen, Soldat werden und „viele Weiber vögeln” wolle, ist klar, dass ihn davon kein alttestamentarischer Psalm mehr abzuhalten vermag.

Amerika erreicht die Familie auf zellophanumpacktem Mobiliar, während die Palisadenwände weggetragen und aus schwarzer Bühnenleere ein „Life is persistent” („Das Leben dauert an”) in blauer Neonreklameschrift aufleuchtet. Katja Zinsmeister rinnen aus den tiefsten Tiefen ihrer Duldsamkeit Tränen in die Mutter-Augen und Nadine Kiesewalter, hinter deren Wortstakkato die Hysterie lauert, beißt sich als Tochter die Nägel ab und Finger blutig.

Nur Patriarch Singer im Streifen-Pullunder bleibt seltsam distanziert. In immergleichen Betonungen sagt er seine Sätze auf. Mit eingebautem Sprechtempomat scheint Joey Zimmermann sie auf beschauliche Einheitsgeschwindigkeit runtergeregelt zu haben. Wird doch einmal aufs Gaspedal getreten, droht es ihn mit Verhasplern aus der Kurve zu werfen. Vielleicht nicht immer gewollt, aber es passt. Eine zur Gleichförmigkeit drängende Litanei begleitet die Marterstrecke des Juden. Die Handlung vollzieht sich vor dem Totengebet eines Mannes, der die Zeit, die über ihn hinweggeht, nicht mehr verstehen kann.

Begeisterter Applaus in der ausverkauften Kammer nach gut zwei Stunden inklusive Pause.

„Hiob” nach dem Roman von Joseph Roth ist noch am 3., 17., 18., 21. und 28. Juni sowie am 1., 8., 16. und 20. Juli in der Kammer im Theater Aachen zu sehen.

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