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Aachen/Bonn: Hightech trifft auf die Buddhas von Bamiyan

Aachen/Bonn : Hightech trifft auf die Buddhas von Bamiyan

26. März 2001: Ein Aufschrei der Entrüstung geht um die Welt, die Taliban haben in Afghanistan, im Bamiyan-Tal, die beiden größten Buddha-Statuen der Welt gesprengt - barbarischer Akt von Islamisten auf Steinzeit-Niveau. 38 Meter hoch war die eine Figur, 55 Meter die andere - davon übrig geblieben: acht Meter hohe Trümmerberge in den gewaltigen Felsnischen. Selbst in der islamischen Welt fehlt dafür jedes Verständnis...

November 2008, Rechenzentrum der RWTH Aachen, Seffenter Weg: Michael Jansen, Professor für Stadtbaugeschichte, wirkt mit seiner antennenbestückten Spezialbrille ein wenig wie ein Marsmensch.

Er „schwebt” die Nische von Bamiyan hinauf und erkundet jede einzelne Felsspalte - ohne Angst haben zu müssen abzustürzen: Er befindet sich in einem begehbaren Computermodell. „Cave” - Cave Automatic Virtuel Environment - heißt die Anlage im „Virtual Reality Labor” des Rechenzentrums: ein „Würfel” aus Projektionsflächen mit einer Kantenlänge von rund drei Metern. Eine ganze Batterie an Projektoren und Rechnern sorgt im Hintergrund dafür, dass die Felsnischen von Bamiyan dreidimensional dargestellt werden.

Seit 2004 arbeitet Michael Jansen mit seinem Team im Auftrag der Unesco und des Internationalen Rats für Denkmalpflege Icomos an der Rekonstruktion der Buddhas von Bamiyan. Die präzise Erfassung der Geometrie der Felsnischen und das exakte Computermodell bilden dabei die Basis.

Diese 3D-Simulation wird in gut einer Woche im Zentrum einer Ausstellung über „Gandhara - Das buddhistische Erbe Pakistans” stehen, die vom 21. November bis zum 15. März 2009 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sein wird. Kurator ist Michael Jansen. In Aachen ist seine Ausstellung „Vergessene Städt am Indus” von 1987 noch in bester Erinnerung.

Diesmal also Gandhara, das einstige Königreich im heutigen Afghanistan und Pakistan. Die Blütezeit währte vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. „Es war ein Land des Friedens und der Meditation” mit 400 Klöstern, betont Jansen den Anspruch der Bonner Schau, die ein so ganz anderes Bild dieses Landstrichs vermitteln will, als es sich heute darstellt mit Bombenanschlägen, Entführungen und Angriffen aus dem Hinterhalt.

Gleichwohl weiß der Aachener Professor sehr genau um die Gefahren bei seinen Besuchen mitten im Land der Taliban. Vor vier Wochen ist er zuletzt dort gewesen. „Man darf sich nicht zu erkennen geben”, erzählt er, „und möglichst wenig sprechen. Sonst kann im nächsten Ort schon die Bombe explodieren.”

Dabei ist er nicht etwa in einem Panzerwagen umhergefahren, sondern „vermummt” wie die Einheimischen und versteckt in einer Gruppe zu Fuß unterwegs gewesen - nur so können sich Wissenschaftler und Archäologen heute in dem Gefahrengebiet bewegen.

Rund 250 Objekte aus fünf pakistanischen Museen konnte Jansen für die Bonner Ausstellung mit seinem Mitarbeiter Karsten Ley „organisieren” - und er wundert sich selbst ein wenig, dass die Kisten tatsächlich angekommen sind. Münzen, Goldschmuck, Steinskulpturen und Reliefs dokumentieren die reiche Kultur Gan-dharas - vor allem den hellenistischen Einfluss.

Die alten Griechen im Orient? Alexander der Große war es, der bei seinen Eroberungszügen nicht nur die westliche Kultur im Allgemeinen dorthin brachte, sondern auch die griechische Ikonographie im Speziellen. „Bis ins 3. Jahrhundert”, erläutert Michael Jansen, „wurde Buddha nicht figürlich darstellt”.

Erst angesichts der Götterbilder der alten Griechen entwickelte sich die Darstellung von Szenen aus dem Leben Buddhas und Porträts - ein Beispiel für die Verschmelzung westlicher und östlicher Traditionen.

Besonders spektakulär aber wird in Bonn die Aachener Hightech-Simulation das Ausstellungswesen bereichern. Die drei Meter große „Cave”, in der im RWTH-Rechenzentrum vier Personen noch „gemütlich” Platz finden, wird in Bonn erweitert aufgebaut: zehn mal zehn Meter groß, damit dort bis zu 25 Besucher das 3D-Wunder gleichzeitig betrachten können.

Matthias Jarke, Inhaber des Lehrstuhls für Informationssysteme und Professor am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik in Sankt Augustin, ist bei der technischen Realisierung entscheidend mitbeteiligt.

Wie ist eine solch verblüffende 3D-Simulation, bei der man den Eindruck hat, sich bei einem weiteren Schritt nach vorne den Kopf am Felsen zu stoßen, möglich?

Mit einem 150.000 Euro teuren Laserscanner der Universität Wien hat Jansens Mitarbeiter Georgios Toubekis die Felsnischen aus 40 verschiedenen Positionen aufgenommen. Die Figuren selbst wurden aus alten Fotografien rekonstruiert.

Zehn Rechner wirken hinter den Kulissen der „Cave” mit, um zwei leicht versetzte Bilder mit vielen Projektoren auf den Spezial-Leinwänden zu erzeugen - die 3D-Brille bewirkt schließlich den räumlichen Eindruck.

Unterdessen lagern bis zu 80 Tonnen schwere Bruchstücke unter provisorischen Dächern im Bamiyan-Tal vor den leeren Nischen - das bröselige Gestein der 1500 Jahre alten Figuren ist feuchtigkeitsempfindlich und droht zu zerfallen.

Tausende Bruchstücke

Trotz Tausender Trümmer in den verschiedensten Größen wäre es jederzeit möglich, die Skulpturen aus den Buchstücken mit Computerhilfe und einer besonderen Methode wieder zusammenzusetzen. 5000 Brocken wurden bereits vermessen.

Der Kölner Geologe Michael Urbat hat das Ei des Kolumbus gefunden, um jedem der Stücke eindeutig seinen früheren Platz zuzuweisen: Er hat den Magnetismus der feinen Eisenanteile im Gestein der Figuren und im Nischenhintergrund gemessen - die Werte reichen aus, um Stein für Stein wieder zusammenzusetzen.

Allein: Ob die Buddhas von Bamiyan - das Tal wurde 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt - tatsächlich originalgetreu oder fragmentarisch „zusammengebaut” werden, steht noch in den Sternen.

„Das ist eine ethische Frage”, sagt Michael Jansen, und die müssen die Unesco und der Internationale Denkmalrat klären. Zur Geschichte dieses Welt-Denkmals gehört schließlich auch dessen Zerstörung. Soll man da so tun, als ob nichts gewesen wäre?

Indes arbeiten Jansen und Jarke mit ihrem Team weiter an der Optimierung der 3D-Technik im „Cave”, um einen technischen Standard zu entwickeln, mit dem letztlich sämtliche 800 Weltkulturerbe-Objekte der Unesco dokumentiert werden können - und zwar vor einer möglichen Zerstörung.