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Köln: Herrische Mutter schwingt das Hackebeil

Köln : Herrische Mutter schwingt das Hackebeil

Aus abgeschlagenen Prophetenköpfen tröpfelt diesmal kein Blut. Nachdem Hans Neuenfels Berliner „Idomeneo” aus Angst vor islamistischen Anschlägen zwischenzeitlich von der Opernbühne gefegt wurde, bleibt der Skandal bei seiner neuesten Inszenierung am Kölner Schauspielhaus aus.

Doch wieder hält ers mit der Religion, und wieder darf´s ein bisschen Blut sein. Der 65-jährige ehemals „junge Wilde” will mit Lorcas Frauentragödie „Bernarda Albas Haus” zeigen, wie Katholizismus in Fanatismus ausarten kann, wie sehr religiöse und sexuelle Inbrunst ineinander fließen. Blasphemisch wirkt das keineswegs, in seiner Aussage eher betulich, in manch plakativem Bild sogar peinlich komisch.

Bett wird zertrümmert

Bernarda ist eine Besessene. Die despotische Mutter schwingt schon zu Beginn das Hackebeilchen - um eine Seite ihres Ehebettes zu zertrümmern. Nach dem Tod ihres Mannes verordnet sie acht Jahre Trauerzeit. Doch während die schwarz Gekleidete ihren fünf erwachsenen Töchtern Enthaltsamkeit predigt, hat sie selbst schon längst einen anderen: den Gekreuzigten persönlich. Je stärker der sexuelle Trieb hier unterdrückt wird, desto wahnsinnigere Blüten treibt die Religion.

Zunächst küsst Bernarda nur ergriffen die Wundmale an Händen und Füßen einer hölzernen Christusfigur, die auf der Vorbühne hochfährt. Dann nimmt die Braut Christi selbst das Kreuz auf sich, will ihre Hand am Seziertisch mit einem Nagel durchbohren. Und schließlich landet der Heiland sogar in ihrem Schlafzimmer.

Wie Bernarda das mit ihrer Axt angestellt hat, sehen wir nicht. Nur das Ergebnis: Ein abgehackter Arm, ein abgetrenntes Bein und ein Torso mit dekorativ blutender Wunde hängen neben ihrem Bett. Als man noch überlegt, wie sie sich wohl mit Hilfe der lendenbeschürzten Gliederpuppe, vor der sie niederkniet, einen Privatheiligen bastelt, drückt sie sich am Ende doch lieber selbst die Dornenkrone aufs blutende Haupt. Ein ziemlich abstruses Passionsspiel.

Derweil leiden die Töchter in ihrem häuslichen Gefängnis zwischen vier silbrig glänzenden Wänden. Wie ein Drehkreuz schieben sie diese unermüdlich weiter und finden doch keinen Ausweg. Ihre Choreographien des Eingesperrtseins erinnern mit ihrer etwas angestaubten Ästhetik an Tanztheater der 70er und 80er Jahre von Pina Bausch und Hans Kresnik.

Mit viel Körpereinsatz rennt besonders die aufmüpfige Tochter Adela (Anja Lais) gegen Wände, reibt ihren vor Verlangen stöhnenden Körper daran, lässt die Peitsche knallen, reitet orgiastisch auf einem Sattel und wirft sich in ein blutiges Catch-Match.

Wenn Elisabeth Trissenaar als Bernarda dagegen mit Handtüchern und Blumen auf ihre Töchter einschlägt, erscheint das erstaunlich kraftlos. Viel stärker ist ihre Stimme, die warm und herrisch zugleich problemlos das akustisch ungünstige Schauspielhaus füllt. Doch Neuenfels Frau und Dauer-Protagonistin kennt ihre Attribute - „die große Trissenaar”, „die Tragödin Trissenaar” - und bedient sie zu oft: mit großer Oper, bedeutungsvollen Blicken gen Himmel und Schmerzensmiene.

Nach dem Selbstmord von Adela stimmt Bernarda so am Ende „Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich” an. Dabei richtet sie die gefalteten Hände der Töchter vor der Brust zum Gebet. Das Kreuz wird sich noch Jahre weiterdrehen. Die Zuschauer sind nach fast drei Stunden erlöst. Viele Bravos für die Schauspielerinnen, kein Buh für Neuenfels.