Aachen: Henri Cartier-Bresson: Frühe Blicke hinter den Eisernen Vorhang

Aachen: Henri Cartier-Bresson: Frühe Blicke hinter den Eisernen Vorhang

Zwei hübsche Mädchen in adretten Kleidern, einen Fuß gelangweilt zur Seite gestellt, warten an der Haltestelle auf die Tram. Zwei Sowjetsoldaten, der eine mit kess zur Seite gezogener Kappe, stramm gegürtelt und in Lederstiefeln bis zu den Knien steckend, schreiten vorbei und beäugen die Mädels lächelnd mit einem Blick, den man heute wohl als „abcheckend” bezeichnen würde.

Mit solch unscheinbaren Schwarz-Weiß-Fotos wie diesen sorgte Henri Cartier-Bresson in den fünfziger Jahren für Furore - und das weltweit. Immerhin war der Franzose (1908-2004) der erste ausländische Fotograf überhaupt, der 1955, zwei Jahre nach dem Tod Stalins, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang in die Sowjetunion werfen durfte.

Das Internationale Zeitungsmuseum Aachen präsentiert bis zum 28. Oktober in Zusammenarbeit mit der Agentur Magnum in Paris 48 großformatige Fotos, die auf zwei Reisen Cartier-Bressons in die Sowjetunion 1955 und 1973 entstanden sind. Vermittelt hat die Schau Sylvia Böhmer, Kuratorin und Fotografie-Expertin am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum.

Bereits zu Lebzeiten galt der rebellische Sohn eines Textilfabrikanten in der Normandie, der gegen den Willen der Eltern eine künstlerische Laufbahn, zunächst als Maler, eingeschlagen hatte, als führender Repräsentant der modernen Fotografie. Schon 1947 widmete ihm das Museum of Modern Art in New York, in der irrigen Annahme, er sei in deutscher Kriegsgefangenschaft umgekommen, eine Retrospektive. 1955 war er der erste Fotograf überhaupt, der im Pariser Louvre ausstellen durfte. Die bedeutendsten Magazine global druckten seine auf zahlreichen Reisen entstandenen fotografischen Beobachtungen des Weltgeschehens ab.

Sein antifaschistischer Kampf gegen die rechtsgerichteten Putschisten im Spanischen Bürgerkrieg und eine nicht bis ins Letzte geklärte, mögliche Mitgliedschaft bei den französischen Kommunisten waren wohl die entscheidenden Türöffner für den Eisernen Vorhang, erklärt Andrea Holzherr, Repräsentantin der Agentur Magnum, die die Ausstellung in Aachen begleitet. Magnum, 1947 in New York von Cartier-Bresson, Robert Capa, David Seymour und George Rodger gegründet, wacht heute mit der Stiftung Fondation Henri Cartier-Bresson über dessen umfangreiches Werk und achtet peinlich auf die Copyright-Angaben der wenigen zur Veröffentlichung freigegebenen Aufnahmen.

Berühmt bereits in jungen Jahren

Die Gründe für die früh erlangte Berühmtheit dieses Fotografen offenbart sich denn auch in Aachen - allerdings erst auf den zweiten Blick, dann aber um so nachhaltiger. Straßenszenen in Moskau und Leningrad, Menschen in Kneipen beim Tanz, usbekische Besucher in der Metro, Männer und Frauen in ihrem ganz gemeinen Alltag - all das wirkt auf den ersten Blick wie im schnellen Schnappschuss festgehalten, oder wie Cartier-Bresson es selbst auszudrücken pflegte: „Fixieren, abdrücken, abhauen.” Fotografieren im Vorübergehen. Aber so einfach ist dieses fotografische Genie nicht zu definieren. „Er hatte den Blick für die Komposition”, erklären Sylvia Böhmer und Andrea Holzherr. „Er war Bildpoet und Künstler ebenso wie Journalist.”

Zwei Väter schieben in Moskau jeweils einen Kinderwagen - das Bild des „neuen, emanzipierten Mannes”? Möglich - allerdings haben sich die beiden mit ihrer neuen gesellschaftlichen Rolle noch nicht so richtig anfreunden können: Jeder von ihnen liest beim gänzlich beiläufigen Nachwuchsausführen die Prawda. Versteckte Ironie ist Cartier-Bressons große Meisterschaft. Der gewaltige Papp-Lenin zur Vorbereitung der Mai-Feierlichkeiten wirkt in seinem hohlen Gigantismus überaus lächerlich und unwirklich über dem Vater, der mit seiner Kleinen davor spazieren geht. Und der freundliche Soldat mit seinem Bürschchen auf dem Arm macht so gar nicht den monströsen, feindlichen Eindruck, wie es die westliche Propaganda im Kalten Krieg doch so gerne wahrhaben wollte.

Arbeiter tanzen, trinken Wein und Bier, erfreuen sich an Musik, Soldaten schauen den Mädels nach, ob in Leningrad, Moskau oder auch in Berlin oder New York - beim ehrlichen, unverstellten, neugierigen Blick erweist sich, dass alle Menschen doch irgendwie gleich sind.

Diesen Moment in der Fotografie des genialen Henri Cartier-Bresson schätzt vor allem auch die Vorsitzende des Fördervereins des Zeitungsmuseums, Meike Thüllen: „Aufklärung ist eine zentrale Aufgabe dieses Hauses, und dazu gehört es, einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren.” Der vor allem auch Jugendliche erreichen soll.

Die unter dem Titel „Russia” zusammengefassten Fotografien aus der Sowjetunion, unterstrich Museumsdirektor Andreas Düspohl am Donnerstag, sind im Übrigen die meistveröffentlichten Cartier-Bressons und passten allein deshalb hervorragend in Rahmen und Anspruch des Internationalen Zeitungsmuseums Aachen.

Die Eröffnung ist heute um 19 Uhr

„Russia - Fotografien von Henri Cartier-Bresson”, Internationales Zeitungsmuseum Aachen, Pontstraße 13.

Eröffnung: am Freitag um 19 Uhr.

Dauer: bis 28. Oktober.

Geöffnet: Di.-So. 10-18 Uhr.

Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro.

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