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Aachen: Heilige Geschichten und magische Lichtphänomene

Aachen : Heilige Geschichten und magische Lichtphänomene

Zwei Kostbarkeiten aus spätmittelalterlicher Zeit stehen zurzeit im Forscher-Mittelpunkt des Teams um Museumsdirektor Ulrich Schneider im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum.

Das von Mäzenin Irene Ludwig anlässlich ihres 75. Geburtstages in diesem Jahr gestiftete „Annentriptychon”, zu dem Mitarbeiterin Christine Vogt gemeinsam mit den Restauratoren Ulrike Villwock und Michael Rief eine umfassende Monographie erstellte, sowie ein kürzlich angekauftes seltenes Relief „Beweinung Christi”, das um 1510 in Augsburg enstand.

Beides wird am Donnerstag um 19 Uhr im Museum vorgestellt.

Es liegt noch immer ein feiner Hauch von Rouge auf den Wangen der schönen Maria Magdalena, die mit schmerzlicher Hingabe die Hand des toten Christus hält: Das Relief „Beweinung Christi”, eine um 1510 in Augsburg aus Pappelholz - eine Seltenheit - geschnitzte Figurengruppe, konnte inzwischen mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder sowie der NRW-Stiftung Kunst und Kultur und der Heinz-Heinrichs-Gedächtnisstiftung die Abteilung der süddeutschen Skulptur im Suermondt-Ludwig-Museum erweitern.

Stifterwille war auch beim „Annentriptychon der Delfter Familie van Beest”, geschaffen durch die Meister von Frankfurt und Delft, im Spiel.

Kunstmäzenin Irene Ludwig hat bei dem seltenen Stück - das letzte übrigens, das sie gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Peter Ludwig erwarb - aus Freude über ihren 75. Geburtstag den Status der Leihgabe in den des Museumsbesitzes verwandelt.

Bereits seit zwei Jahren steht ganz besonders Museumsmitarbeiterin Christine Vogt im Banne dieses kleinen Altars, an dem gleich zwei Meister des frühen 16. Jahrhunderts beteiligt sind.

Den großen Delfter Stadtbrand 1536 und sogar den reformatorischen Bildersturm hat es überstanden.

Im Mittelpunkt sieht man Maria, ihre Mutter Anna sowie den Jesusknaben („Anna Selbdritt”) im „hortus conclusus”, dem „Mariengärtchen”. Die Flügel zeigen die Familienmitglieder des Stifters, ganz vorn den ältesten Sohn im Habit des Kartäuserordens. „Am Anfang interessierten mich in erster Linie die abgebildeten Pflanzen und ihre Symbolik”, erzählt Christine Vogt, die zusammen mit Ulrike Villwocks und Michaels Riefs technologische Untersuchungen allerhand Geheimnissen des Werkes auf die Spur kam.

Nicht zuletzt die nahezu naturalistisch gemalten „Halophänomene”, Himmelserscheinungen mit drei Monden und drei Sonnen, machen diese Arbeit zu einem seltenen Dokument ihrer Zeit.

Röntgenaufnahmen der Bildtafeln und des Sockels, dendrochronologische Untersuchungen, die anhand der Jahrersringe das Alter des bemalten Holzes (übrigens Eichenholz aus dem Baltikum, damals das Feinste vom Feinen) verraten, Parallelen zu anderen Werken und vieles mehr fügte Vogt in ihre spannende Monographie ein.

Und Entdeckungen kann man auch bei der „Beweinung Christi” mit ihren so lebensechten Gestalten machen, die heute noch Spuren der ursprünglichen Bemalung sowie Gold- und Silberornamente zeigen. Muskulös ist der Körper des Toten, „erzählerisch” die Konzeption, die mit ihren modisch und sorgfältig gekleideten Personen ins Geschehen hineinzieht.

„Ein wichtiges Stück für die Sammlung unseres Hauses, das am Vorabend der Reformation entstand und bereits den Übergang zur Renaissance signalisiert”, bestätigt Dagmar Preising vom Suermondt-Ludwig-Museum.