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Aachen: Heiligabend ohne Papa und Mama

Aachen : Heiligabend ohne Papa und Mama

Rote Herzen, blaue Sterne, grüne Linien: Mit voller Hingabe verziert die kleine Joana (12) ihre Weihnachtskekse. „Ich backe sehr gern Plätzchen”, sagt das schüchterne blonde Mädchen leise.

Es freut sich auf Weihnachten, wünscht sich eine Spielkonsole. Und doch liegt ein Schatten auf dem Fest: Joana wird zu Heiligabend nicht bei Papa und Mama sein. Sie lebt in einem Aachener Kinderheim.

Acht Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 17 Jahren leben mit Joana in einer Gruppe des Kinderheims Maria im Tann. Erzieherin Iris Pracht verbringt mit ihnen den Heiligabend. „In der Weihnachtszeit merkt man einigen Kindern schon an, dass sie trauriger oder nachdenklicher als sonst sind, weil sie Mama und Papa vermissen.” Joana sieht ihre Eltern erst am ersten oder zweiten Weihnachtstag.

Die Erzieherin legt Wert darauf, den Kindern dennoch ein schönes Fest zu bereiten. Denn sie haben es in ihrem jungen Leben meist nicht leicht gehabt. Oftmals seien die Eltern psychisch krank oder süchtig und mit der Erziehung überfordert, sagt Heimleiter Stefan Küpper, der insgesamt gut 70 Kinder betreut. „Wir haben den Auftrag, für die Kinder und Jugendlichen, die in ihren Familien nicht zurechtkommen, eine Zeit lang zu sorgen.”

Einige Schützlinge seien früher geschlagen worden, manche gar missbraucht. „Die innere Verletzung ist häufig groß. Wir können leider keine schlechte Erfahrungen wegnehmen. Aber wir können dafür sorgen, dass sie nicht mehr so wehtun.” Geregelte Abläufe helfen ihnen: „Die Kinder lernen hier, wie man lebt.”

Kerzen anzünden, Plätzchen backen: Gerade für Heimkinder seien solche Rituale wichtig, schildert Pracht. „Bei uns im Haus herrscht vor Weihnachten immer eine besondere und besinnliche Stimmung. Alle sind dann ganz aufgeregt und hoffen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Und sogar die "coolen" Jungs möchten eine Weihnachtsgeschichte vorlesen.”

Während die Gruppe in der Christmette ist, besucht das Christkind das weihnachtlich geschmückte Haus: Viele kleine und große Päckchen liegen später unter den Baum. Die Erzieherin kann sich da auf Kollegen verlassen. Ein Fest mit der Ersatzfamilie: „Das gehört einfach dazu. Schließlich sind sie ja das ganze Jahr über hier. Es ist für uns einfach ein schönes Gemeinschaftsfest”, sagt Küpper.

Pracht hat schon mehrere Heim-Weihnachten erlebt: „Wenn die Geschenke erstmal ausgepackt sind, sitzt jeder in einer anderen Ecke und probiert sein neues Spielzeug aus”, beschreibt die Erzieherin. Heimleiter Küpper weiß aber auch, dass auf dem ein oder anderen Wunschzettel nicht nur materielle Wünsche stehen: „Käme eine gute Fee vorbei, wäre bei vielen Kindern der Wunsch nach mehr Selbstbewusstsein sicherlich groß.”

Auch Küppers hat einen Wunsch: Die Gesellschaft solle ihre Vorurteile gegen Heimkinder abbauen.