Hat Walid Raad Verbindungen zur israelkritischen Bewegung BDS?

Künstler kann Vorwürfe nicht entkräften : Stadt zieht sich aus Verleihung des Kunstpreises zurück

Die Stadt Aachen wird sich aus der für den kommenden Monat geplanten Verleihung des Aachener Kunstpreises 2018 an den libanesisch-amerikanischen Künstler Walid Raad zurückziehen. Ob der Verein der Freunde des Ludwig Forums als Stifter des Preises an der Vergabe festhält, wird sich frühestens am Dienstag entscheiden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die antiisraelische Boykott-Bewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) und deren Unterstützung durch internationale Künstler in der deutschen Kulturszene für Wirbel sorgen. Und so erklärte die Stadt Aachen am Montag, dass sie sich aus der für Oktober geplanten Verleihung des Aachener Kunstpreises an den libanesisch-amerikanischen Künstler Walid Raad (52) zurückzieht. „Wir müssen nach entsprechenden Recherchen davon ausgehen, dass der designierte Preisträger Anhänger der BDS-Bewegung ist und mehrfach an Maßnahmen zum kulturellen Boykott Israels beteiligt war“, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU).

Verein der Freunde berät am Dienstag

Die BDS-Bewegung ruft seit fünf Jahren zum Boykott von Waren, Dienstleistungen, Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern aus Israel auf. Der Bundestag hatte im Mai mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD, FDP und großer Teile der Grünen festgestellt: „Die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung sind antisemitisch. Die Aufrufe der Kampagne zum Boykott israelischer Künstlerinnen und Künstler sowie Aufkleber auf israelischen Handelsgütern, die vom Kauf abhalten sollen, erinnern zudem an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte.“ Der NRW-Landtag verabschiedete einstimmig ebenfalls eine Resolution gegen die BDS.

Ob der Verein der Freunde des Ludwig Forums als Stifter des Aachener Kunstpreises an der Preisverleihung festhält, steht noch nicht fest. Die kommissarische Vorsitzende Iva Haendly-Dassen sagte am Montag unserer Zeitung, der gesamte Vorstand werde sich am Dienstag treffen und beraten. „Ich habe volles Verständnis für die Entscheidung der Stadt“, fügte sie hinzu, und habe mit deren Vertretern noch am Montag über den Fall gesprochen. Eine Tendenz, wie der Vorstand entscheiden werde, könne sie noch nicht absehen. Der Aachener Kunstpreis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre an einen Künstler verliehen, dessen Werk „der internationalen Kunstszene nachhaltige Impulse gibt“.

Vor der Entscheidung der Stadt hatte Oberbürgermeister Philipp den designierten Preisträger darum gebeten, seine Position zur BDS-Bewegung zu klären. Raad habe darauf nicht nur ausweichend geantwortet, sagte Philipp, sondern „mokant und süffisant“ und werde dem Ernst des Themas in keiner Weise gerecht. „Für uns bleibt, dass der Künstler eine Unterstützung der BDS-Bewegung nicht ausräumt.“

Verfassungsschutz ist alarmiert

Die aktuelle Entwicklung in Aachen erhält zusätzliche Brisanz dadurch, dass der Verfassungsschutz die BDS-Bewegung mittlerweile in den Blick genommen hat. Verfassungsschützer von Bund und mehreren Ländern prüften, ob die Bewegung als verfassungsfeindlich eingestuft werden muss, berichtete die Wochenzeitung „Die Zeit“ in der vorigen Woche. Die BDS stelle das Existenzrecht Israels infrage, sagte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD). „Wir dürfen das nicht laufen lassen.“ Nach Angaben der Zeitung stufen die Behörden die Aktivitäten der Israel-Kritiker als antisemitisch ein. Damit wäre die Bewegung ein Fall für den Verfassungsschutz.

Vor zwei Wochen hatte die Jury für den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ihre Entscheidung zurückgezogen, die Auszeichnung der britisch-pakistanischen Autorin Kamila Shamsie zu verleihen. Auch sie habe sich an Boykott-Aufrufen gegen Israel beteiligt und setze sich für die BDS-Bewegung ein. Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller unterstützte die Revisionsentscheidung der Jury, mehr als hundert Kulturschaffende kritisierten diese in der Literaturzeitschrift „London Review of Books“ mit dem Argument, die freie Meinungsäußerung werde untergraben.

Im vorigen Jahr sorgte die schottische HipHop-Band „Young Fathers“ für Wirbel, die ebenfalls die BDS-Bewegung unterstützt. Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp hatte die Band eingeladen, lud sie später aus und dann doch wieder ein, nachdem andere Künstler mit Absage gedroht hatten. Am Ende sagte die Band selbst ab.

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