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Aachen: Halunkenpack im Sog der Drehbühne

Aachen : Halunkenpack im Sog der Drehbühne

Was kann es besseres geben für die Aufführung der „Dreigroschenoper” als eine leibhaftige Bankenkrise.

Das Brecht/Weillsche Agitprop-Theater, das vor Wut über den Kapitalismus der krisenhaften späten 1920er Jahre nur so schäumt und dabei einzigartig unvergängliche Songs ausspeit wie den vom Haifisch und seine Zähnen, sägt aus verzweifelt kommunistischem Herzen an den entlarvten Stützen der Gesellschaft, indem es lustvoll vorführt:

Die Bettler sind die besseren Kapitalisten und die Verbrecher die besseren Menschen. „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?”, lässt Brecht seinen Meckie Messer sagen, und im Aachener Theater röchelt dreckig die Flöte und der Bass groovt beiläufig dazu.

Die Vehemenz und Aktualität der Brechtschen Aussage jedoch bleibt irgendwo stecken, vielleicht im Räderwerk der famosen Drehbühne von Florian Barth. Da mag Regisseurin Deborah Epstein noch so sehr die Mittel des epischen Theaters auf ihre Tauglichkeit erproben, die Aachener „Dreigroschenoper” kommt in der Gegenwart nicht wirklich an. Aber eine beachtliche Theaterarbeit ist sie dennoch.

Denn Epsteins Team - ein mit fast dem gesamten Ensemble nebst neunköpfigem Orchester äußerst großes - gelingt es, die sperrige Bilderfolge, mit der Bertolt Brecht und Kurt Weill einen Gegenentwurf zur bürgerlichen Oper auf die Welt brachten und zugleich das epische Theater erfanden, in Fluss zu halten. Ganz natürlich scheinen sich all die kleinen und großen Monologe in die Geschichte einzufügen, in denen Protagonisten immer wieder aus der Szene heraustreten und dem Publikum erklären, was es gleich sehen wird, und was das zu bedeuten habe.

Die Moritat vom Ganoven Meckie Messer und seiner Braut Polly, der Tochter des Bettlerkönigs Peachum, verliert bei Epstein nie an Schwung, selbst nicht durch die Songs, in denen die Zeit im Gegenlicht einzufrieren scheint. Das schauspielernde Ensemble aus alten Hasen und jungen Talenten scheint aber auch wirklich hoch motiviert in diesem Projekt zu stecken, in dem jeder Raum findet, seine Rolle auszugestalten.

Was die sängerischen Fähigkeiten der Schauspieler angeht, sind die Talente durchaus ungleich im Ensemble verteilt, denn singen können sie alle nicht. Aber sie machen was draus. Selbst das unmusikalischste „Zeratmen” jeder Melodie, mit dem Elisabeth Ebeling die Mrs. Peachum ausstattet, hat den Charme, der das ganze Ensemble auszeichnet. Am ehesten bemängeln kann man noch die weit verbreitete Flucht ins Brüllen, die etliche Songs gar zu derb klingen lässt.

Starken Sog übt die Drehbühne von Florian Barth aus, der auch die bildmächtige Ausstattung erdachte. Hier wechseln die Szenen von der Asservatenkammer eines professionellen Bettelunternehmens rasant ins Rotlichtmilieu oder in den kühlen Knast. Geradezu aberwitzig gestaltet sich die Schlusspointe mit dem Ritt eines Reiters auf einem Pappgaul durch die sich drehende Belletage der Szenerie, wenn im ganz und gar unglaubwürdigen Happyend Meckie vom Galgen hüpft.

Man mag die Figuren alle, die sich da auf der Bühne tummeln: Zuvorderst die Polly von Elke Borkenstein, die vor allem ihre Songs grandios ausspielt. Torsten Borm nimmt den Macheath dagegen ein wenig zurück in einer Maske unterspülter Coolness. Heinz Kloss zeichnet den Bettler-Chef Peachum als sanfte Mischung aus Pantoffelheld und Businessman, ganz im Gegensatz zu Elisabeth Ebeling, die als seine Frau Celia die schrille Schlampe ganz köstlich verkörpert.

Karsten Meyer ist als Londons Sheriff ein wenig zu gewollt schmierig, Bettina Scheuritzel als Spelunken-Jenny ganz still und ganz präsent. Wunderbar quietschig dagegen zickt Julia Brettschneider als Meckies Zweitfrau Lucy mit ihrer Konkurrentin herum.

Köstlich, zum Teil grandios das Heer der Statisten, das als Bettler und Huren die Szenen bevölkert. Wenn im Schlussbild das Ensemble noch einmal Front macht zum Publikum und die Lehre aus dem Gesehenen verkündet, ist ein durchweg unterhaltsamer Theaterabend vorbei. Der Applaus des Premierenpublikums war ungeteilt begeistert.