"Hagen" nach Richard Wagners "Ring" im Theater Aachen

Wagners „Ring“ in verschlankter Form am Theater Aachen : Rheingold in Flaschen, Blech im Graben

Das Theater Aachen startet mit „Hagen“ einen vielversprechenden „Ring“ in verschlankter Fassung. Das Sängerensemble agiert hervorragend, das Orchester darf sich noch steigern. In den kommenden beiden Spielzeiten wird die Trilogie fortgeführt.

Ja, man darf trefflich von Euphorie sprechen, die Richard Wagners „Ring“ in Aachen auslöst. Ausgehend von Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck, der nach mehr als 50 Jahren dieses Großprojekt wagt, das die Grenzen des am Theater Aachen Möglichen auslotet, weitergetragen von Generalmusikdirektor Christopher Ward, dem hoch motivierten Orchester und Sängerensemble, schwappt Begeisterung ungebremst ins Publikum. Nach der Premiere von „Hagen“ brandet einmütiger Beifall zurück.

„Hagen“? Ja, in Aachen beginnt der „Ring“ nicht wie gewohnt ursuppenmäßig in Es-Dur, sondern es geht gleich in die Vollen der „Götterdämmerung“. Das Theater hat sich für die dreiteilige Fassung entschieden, die Tatjana Gürbaca vor zwei Jahren für das Theater an der Wien erarbeitete und die von den Feuilletons sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Zwölf Stunden Wagner statt deren 17 und weniger eine stringente Märchenerzählung für Erwachsene als ein psychologisierender Blick auf das Welten-Epos durch die Augen der drei „Nachgeborenen“ Hagen, Siegfried und Brünnhilde. Das sind die, die das Chaos ausbaden müssen, das ihre Vorfahren – nicht zu vergessen die hier weitgehend gestrichenen Götter – in Wagners Umdichtung der Nibelungensage angerichtet haben.

Wagners Musik bleibt bei dieser umgruppierten Strichfassung weitgehend unangetastet. Und selbst intime „Ring“-Connaisseure dürfen sich wundern, wie fluffig die neu geordneten Partiturteile sich ineinanderfügen. Da bläut Alberich seinem Sohnemann Hagen gerade noch ein, wie er seinen Ring-Fluch in die Tat umsetzen und Siegfried morden soll. Und schon hüpft er als lüsterner Zwerg zwischen den Rheintöchtern herum, mit denen die Geschichte beginnt vom magischen Gold und der Unheil bringenden Kraft des Rings, um den der lieblose Nibelung alsbald betrogen wird. Die allgegenwärtigen Leitmotive verbinden, was so nicht zusammengedacht war.

Johannes von Matuschka, 45-jähriger Bonner mit Professur in Berlin, der erst seit drei Jahren auch Musiktheater inszeniert, wirft sich mit Lust am ungewohnten Konzept in die Herausforderung am ihm unvertrauten Haus. Den „Hagen“-Abend rahmt er ein mit einer dämonischen Video-Projektion, auf der eine großartige Lore Stefanek die Erda und ihre apokalyptischen Warnungen ausspricht, beziehungsweise am Ende fassungslos die Augen verdreht. Und wenn dabei an den Fäden der Nornen die drei jungen Protagonisten im Kreis wirbeln, bevor Hagen als Erster aus dem Unglücksstrudel herauspurzelt, so darf man vorausahnen, dass die zwei weiteren, für die kommenden Spielzeiten terminierten Teile ähnlich beginnen werden.

Von Matuschka sieht eine Welt am Abgrund. Planschen im „Rheingold“-Teil des Abends die Rheintöchter (exzellent Suzanne Jerosme, Ekaterina Chekmareva, Agata Kornaga) noch zwischen Plastikmüll herum, wird es zunehmend düster um das Element Wasser, das diesen Abend prägt: Im Bergwerk der Nibelungen wird es mühsam aus dem Fels gehämmert und als flüssiges Rheingold in Plastikflaschen gefüllt. Im Palast der Gibichungen ist es dann versiegt, der Boden verdorrt, der zentrale Brunnen sprudelt nur Ausgewählten. Zwischendurch flimmern Klimakatastrophen-Szenarien über riesige Leinwände, die die gähnend leere Bühne (Magdalena Gut) umgeben.

Erstaunlich gute Sänger

Hört und sieht sich das so an, als würde in Aachen ein Öko-Ring geschmiedet, so bleibt doch das Spiel der Protagonisten von dieser Mode-Thematik unbeleckt. Von Matuschka führt das mit etlichen Gästen aufgestockte Ensemble zu prägnanter, Wagner alle Ehre machender Leistung. Hrólfur Saemundsson ist zwar für Alberich etwas zu groß von Statur, sein Spiel und sein Gesang allerdings elektrisieren regelrecht. Der Hagen von Bassist Avtandil Kaspeli klingt grandios schwarz, mit großen Augen verkörpert er voluminös den tief verletzten Teufel. Als Gunter zeigt der famose Bariton Ronan Collett weichlich-brutale Facetten, der Gutrune von Irina Popova mangelt es etwas an sopranem Kern.

Aus der Götterfamilie ist hier einzig Wotan übriggeblieben, den Woong-jo Choi überaus würdig verkörpert. Neben Andreas Joost (Mime) und Hans-Georg Wimmer (Loge) vervollständigen Tilmann Unger als strahlender Siegfried und Sonja Gornik als übel gedemütigte Brünnhilde mit wenigen, aber Großes versprechenden Tönen ein erstaunlich und beachtenswert gut auf Wagner eingestelltes Sängerensemble. Aus dem Graben klingt manches köstlich, gar delikat. Christopher Ward setzt aber allzu oft aufs Grandiose, das wieder und wieder vom Blech erdrückt wird. Da ist noch deutlich Luft nach oben.

So hat Aachen also einen vielversprechenden Ring begonnen, der in der verschlankten Fassung zwar eine große Portion des ursprünglichen Zaubers einbüßt, jedoch in seinem Fokus auf die jüngste Generation Charme hinzugewinnt. Johannes von Matuschka macht bei seinem ersten „Ring“ ganz viel richtig, auch wenn er Hagen mit Laptop ausstaffiert und mit einer Armee aus schwarzen Schweißern umgibt. Und die Frage, ob der Brunnen im Gibichungen-Palast seine Reverenz an die Bäderstadt Aachen sein soll, darf man getrost offen lassen.

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