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Aachen: Großer Opern-Coup: Verdi zum Anfassen

Aachen : Großer Opern-Coup: Verdi zum Anfassen

Die Akustik ist trocken, die Koordination zwischen Orchester und Bühne erfordert Höchstkonzentration, Klimaanlage und Rhythmusstampfen der nahe liegende Disco sind nicht zu überhören.

Dennoch gelingt dem Team um den neuen Aachener Intendanten Michael Schmitz-Aufterbeck mit der ersten Opernpremiere ein ganz großer Coup. Giuseppe Verdis 1887 in Mailand uraufgeführter „Otello” wird in der Inszenierung von Frank Hilbrich zur „Oper hautnah”, ein „Verdi zum Anfassen”.

Und das Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Marcus R. Bosch trägt die Sänger auf Händen, lotet Extremstimmungen weit aus und garantiert ein Musik-Event von Größe und Intimität zugleich. Was für ein Premierenabend!

Im Blitzlichtgewitter

Die Not der Ausweichspielstätte „Zirkuszelt” wird unter Hilbrichs Regie zur Tugend und zu einem der vielen Joker des Abends. Die von den Zuschauertribünen und dem Orchesterpodium eingerahmte Bühne repräsentiert das Leben im Scheinwerferlicht. Statt Sturm und Gewitterböen begleitet ein Blitzlichtgewitter den Auftritt des siegreichen Politikers Otello.

Eine selbstbewusste Erstürmung des Publicity-Laufstegs in der Designer-Ästhetik der schwarzweißen, extravagant eleganten Modekreationen von Gabriele Rupprecht erfolgt. Ein Mikrofon, ein roter Teppich, Absperrungen für das Volk, zwei Talkshow-Sessel und das unvermeintliche Taschentuch genügen dem Bühnenbildner Volker Thiele, um die Tragödie des Politikerehepaares Otello und Desdemona zu platzieren.

Menschen im Rampenlicht gehören der Öffentlichkeit, die der souveräne, individualisierte Chor als aktives Bindeglied zum Publikum am Rande der Bühne und im Zuschauerraum symbolisiert. Die Intimsphäre wird zum Vermarktungsprodukt in „Titanic”-Pose, zur reinen Selbstinszenierung. Zum Alltag sind Otello und Desdemona nicht mehr fähig: Das Bröckeln der Fassade offenbart den eigenen Persönlichkeitsverlust und erklärt Otellos Amok-lauf.

Die drei Hauptrollen von Verdis vorletztem Opernwerk gehören zu den schwierigsten Partien der Opernliteratur des 19. Jahrhunderts. Norbert Schmittberg wagte den nicht ungefährlichen Schritt in den Part des Otello. Seine Mittellage klang voll und heldisch, doch eine Halsentzündung machte es ihm vorerst noch unmöglich, Höhenpiani und Dynamikwechsel bruchlos auszusingen. Eine Rippenprellung, die er sich während der Vorstellung zuzog, verminderte nicht sein Bühnenengagement, bei dem sich die reine Stimmschönheit der schauspielerischen Glaubwürdigkeit unterordnete.

Auch Boris Trajanow erschloss sich seinen Jago bevorzugt über die darstellerische Intensität. Sein Bariton ist groß, kräftig und klar timbriert, was dem exponierten „Credo” sehr zugute kam. Im Parlando der Dialoge versteckte Trajanow die gefährliche Wirksamkeit seiner tödlich endenden Intrige. Seine Bühnenpräsenz war beängstigend durch ihre scheinbare Unauffälligkeit.

Im Gegensatz zu Schmittberg und Trajanow entwickelte Irina Popova ihre Desdemona vorerst aus den technisch beglückenden Mitteln, die der begnadeten Sängerin zur Verfügung stehen. Schwebende Höhen und leuchtende Kraft prägten ihren Vortrag, der aus der eindimensional gepolten Vorzeigegattin eine vielschichtige Persönlichkeit zu entwickeln verstand.

Michael Ende gab dem Cassio mit Verve und klarer Stimmführung tragische Züge. Die Emilia von Judith Berning erklang voluminös und attackierend. Des Weiteren ergänzten Andreas Joost, Pawel Lawreszuk und Woong-Jo Choi als Rodrigo, Lodovico und Montano das typisierend zeichnende Sängerensemble.

Das Sahnehäubchen

Als Basis für das Gelingen und zugleich als „Sahnehäubchen” offenbarte sich die Leistung des Sinfonieorchesters. An seine technische Homogenität und seine intelligente Analysefähigkeit hat sich das Aachener Publikum ja fast schon gewöhnt.

Nun erklimmt das Orchester unter der Stabführung von Marcus R. Bosch die nächste Leistungsstufe einer auf virtuoser Technik aufbauenden Emotionalität und vermag trotz des entschlackten Partiturverständnisses die Gefühlsskala von harmoniereicher Leichtigkeit über schicksalsschwere Effekte bis zu schneidenden Dissonanzen auszufüllen.

Der neue Aachener „Otello” ist ungewohnt konzipiert, aber fundiert und begründet in Verdis Musik und in der menschlichen Psyche. Dass diese Produktion dennoch nicht verstört und durch ihre Modernität abschreckt, macht diesen „Otello” zu einem Beweis dafür, wie lebensnah, zeitlos und prall Oper heutzutage sein kann. Das Publikum feierte sämtliche Beteiligten mit langem Applaus, vielen Bravos und stellenweise sogar mit dem berühmten „Bayreuther Trampeln”.