Karlspreisträger György Konrad gestorben: Großer Europäer und moralische Instanz

Karlspreisträger György Konrad gestorben : Großer Europäer und moralische Instanz

Er hat den Holocaust überlebt und das kommunistische Ungarn bekämpft: Der Karlspreisträger György Konrad ist im Alter von 86 Jahren nach einer schweren Krankheit gestorben.

Trauer um György Konrad: Der ungarische Schriftsteller ist am Freitag im Alter von 86 Jahren gestorben. Er erlag in seinem Budapester Heim einer langen, schweren Krankheit, teilte die Familie mit. Konrad war von 1990 bis 1993 Präsident des Internationalen PEN-Clubs und von 1997 bis 2003 der Berliner Akademie der Künste.

Er galt als einer der großen europäischen Intellektuellen mit moralischer und politischer Autorität. Mit Elan setzte er sich für die europäische Einigung ein. Im Jahr 2001 wurde er als Brückenbauer für Gerechtigkeit und Versöhnung in Europa mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet.

Konrad „war in ganz besonderer Weise ein Zeuge des Jahrhunderts, in dem die Menschen in Europa so schreckliche Erfahrungen gemacht haben“, schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstag. Er habe die Shoa überlebt und später die kommunistische Diktatur in seinem Heimatland Ungarn erlitten.

Eindrucksvoller Mahner

Mit seinem „mutigen Einsatz für den Demokratisierungsprozess in seiner Heimat und seinem Eintreten für eine friedliche Überwindung der europäischen Teilung“ habe er „uns Deutschen einen großen Dienst erwiesen“, führt Steinmeier aus. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte ihn als „eindrucksvollen Mahner“.

Als Kind hatte Konrad einen großen Teil seiner jüdischen Familie durch den Holocaust verloren. In Budapest studierte er Literatur, Soziologie und Psychologie. Er arbeitete als Jugendfürsorger und Stadtsoziologe.

Sein Romandebüt „Der Besucher“ veröffentlichte er 1969. Der schonungslose Blick auf die offiziell verleugneten Zonen des sozialen Elends im Realsozialismus brachte ihn zunehmend in Opposition zum Regime. Er handelte sich ein Reise- und Veröffentlichungsverbot ein.

Nach und nach wurde er zum Dissidenten, der nur im Untergrund – in den Zeitschriften und Publikationen der sogenannten Samisdat-Literatur – zu veröffentlichen vermochte. Stipendien führten Konrad 1976 nach West-Berlin und in die USA. Die demokratische Wende und das Ende des Kommunismus erlebte er, als er bereits jenseits des 55. Lebensjahrs war.

Seine Romane und essayhaften Erzählungen – darunter sind „Geisterfest“ (1986), „Melinda und Dragoman“ (1991), „Glück“ (2003), „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ (2005), „Das Buch Kalligaro“ (2007), „Gästebuch: Nachsinnen über die Freiheit“ (2016) und „Baumblätter im Wind. Ausgrabung I.“ (2017) – sind große Erinnerungsliteratur. Mit spielerischem Gestus schuf sich der Autor seine eigenen erzählerischen Gesetze, fügte Porträts, Anekdoten und Abhandlungen in den Erzählfluss ein.

Dabei entstanden Sittenbilder von den gesellschaftlichen und moralischen Zuständen im ungarischen Gulasch-Kommunismus und der darauffolgenden Transformationszeit. Ebenso präzise wie sinnlich anschaulich künden diese von verratenen Idealen, zynischer Anpassung und resigniertem Außenseitertum.

Seine Rolle als Citoyen, als moralische Instanz, die den Finger auf die wunden Punkte der Gesellschaft legte, streifte Konrad auch nach der Wende nicht ab. Immer wieder erhob er seine Stimme, wenn er die Menschenrechte und Grundfreiheiten gefährdet sah. Im eigenen Land, wo der markant rechtsorientierte Ministerpräsident Viktor Orban seit 2010 mit autoritären Methoden und populistischer Rhetorik regiert, vermochten seine Einwürfe mit den Entwicklungen kaum mehr Schritt zu halten. Dennoch beruhige ihn, meinte er in einem Interview 2018, dass die EU auf die Ungarn am Ende des Tages eine weitaus stärkere Anziehung ausüben würde als Diktatoren.

Der Parade-Intellektuelle aus Ungarn wurde längst schon als gesamteuropäische Instanz wahrgenommen. Der Essayist Karl-Markus Gauß meinte einmal halb-ironisch, Konrad wäre geeignet für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa, wenn es dieses gäbe.

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