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Düsseldorf: Große Geste für das deutsche Informel

Düsseldorf : Große Geste für das deutsche Informel

Sie tröpfelten ihre Farben, zerkratzten die Leinwand oder ließen mit breitem Pinsel kraftvolle Schraffuren entstehen: Das Fanal schöpferischer Freiheit, das Ende realistischen Abbildens, war in der frühen Nachkriegszeit Bindeglied junger Künstler von Kalifornien bis Kassel.

Die damals neue „Weltsprache der Abstraktion” stellt in beeindruckender Breite eine Ausstellung dar, die mit dem programmatischen Titel „Le Grand Geste!” von heute an im Düsseldorfer Museum Kunst Palast zu sehen ist. An den weiß gehaltenen Wänden in den lichtdurchfluteten Räumen entfalten die teils sehr großformatigen Bilder des sogenannten Informel und des Abstrakten Expressionismus eine enorme Wirkung.

Präsentiert werden in der nur am Rhein gezeigten Schau rund 150 Gemälde und zahlreichen Zeichnungen als „großen Gesten” von rund 60 Künstlern aus der Zeit zwischen 1946 bis 1964. Weltstars wie Jackson Pollock, Cy Twombly oder Mark Rothko stehen neben Malern, die - zumeist unverdient - heute nahezu vergessen sind. Daneben werden Dokumente wie etwa Plakate erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Damit bekommt die internationale Abstraktion, die seit längerem bereits auf dem „hungrigen” Kunstmarkt neu und hoch bewertet wird, nun auch verdiente museale Beachtung. Im detailreichen Katalog bleibt allerdings der neu entdeckte Aspekt unbearbeitet, wie weit gezielt eingesetzte US-Dollars in der Hochzeit des Kalten Krieges halfen, die Abstraktion als Symbol westlicher Freiheit im Kontrast zur platt propagandistischen Ost-Kunst international durchzusetzen. So ist Jackson Pollocks riesiges Meisterwerk „Number 32” von 1950 nicht nur künstlerisch imaginärer Nabel der Düsseldorfer Gemäldeschau. Der US-Maler, von Kollegen gern „Jack the Dripper” genannt, tröpfelt zu dichtem Gespinst schwarze Farbe auf die Fünf-Meter-Leinwand und beweist zugleich, mit welch durchdachtem Kalkül die Abstrakten an die Arbeit gingen. Klare Gedanken und Disziplin statt wilder Geste auch in den furiosen Arbeiten des gebürtigen Aacheners Karl Otto Götz (96), der als Deutschland ältester noch tätiger Künstler schon vor über einem halben Jahrhundert aus der Bewegung des Körpers mit einem breiten Wischer seine furiosen Farbbahnen ins Bild brachte.

Mit dick aufgetragenen Farbschichten erobert der Hagener Emil Schumacher in seinen Malereien voll glühender Farben ganz selbstverständlich die dritte Dimension, während Hann Trier mit akribisch gemalten schwarzen Netzstrukturen vor düster-buntem Hintergrund seine imaginäre Räumlichkeit schafft.

Zu den Überraschungen gehört die Begegnung mit den gespachtelten Farbmosaiken Jean-Paul Riopelles, den gestischen Großformaten Emilio Vedovas und Helen Frankenthalers an einen anatomischen Schnitt erinnernde „Blaue Form” (1961). Erhellend das Ausstellungskapitel, das mit einer kleinen Landschaft von Max Ernst und sensiblen Tuschzeichnungen des oft übersehenen Wahl-Franzosen Wols und sehr frühen Siebdrucken Pollocks die feste Verwurzelung der Abstraktion im Surrealismus der Zwischenkriegszeit dokumentiert. Das Zusammenspiel der Werke deutscher Informeler mit Gemälden aus Frankreich und den USA, aber auch aus Italien, den Niederlanden, Spanien und anderen europäischen Ländern soll verdeutlichen, dass es sich um eine die westliche Welt umspannende internationale Kunstströmung gehandelt hat.

„Es ist wahrscheinlich die größte Ausstellung informeller Kunst seit vielen, vielen Jahren”, sagt Beat Wismer, Generaldirektor des Museums. „Jahrzehntelang haben informelle Werke deutscher Künstler in den Depots der Museen geschlummert oder die Künstler waren mit maximal ein, zwei Bildern in einer Ausstellung vertreten”, ergänt Susanne Rennert, die gemeinsam mit Kay Heymer die Ausstellung konzipiert hat. Doch das solle niemanden abschrecken, betont Heymer. „Der Eindruck soll sein, dass wir nicht alte, verstaubte Werke aus der Ecke geholt haben, sondern Bilder, die uns auch heute etwas zu sagen haben.” Die Ausstellung bedeute für ihn einfach „das Erleben fantastischer Bilder”.