Aachen: Grenzlandtheater zeigt beeindruckende Inszenierung von „Szenen einer Ehe“

Aachen : Grenzlandtheater zeigt beeindruckende Inszenierung von „Szenen einer Ehe“

Die Botschaft ist eindeutig. „Fragile. Handle with care“ — „Zerbrechlich. Mit Vorsicht behandeln“ steht in schwarzen Lettern auf dem Holzcontainer, der den Großteil der Bühne einnimmt. Eine Warnung, eine Vorausschau. Sie springt ins Auge, sie brennt sich ein. Noch bevor eine einzige Zeile von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ im Grenzlandtheater gesprochen wird.

Die Zerbrechlichkeit der Zweierbeziehung, der kleinsten sozialen Zelle, sie ist das bestimmende Thema dieses Stücks, das 1973 zunächst als sechsteilige Fernsehserie, dann als kürzere Kinofassung in Schweden und bald auch darüber hinaus für Furore sorgte. Denn das Scheitern der Ehe von Johan und Marianne wird dem Zuschauer schonungslos vorgeführt. So schonungslos, dass die Essenz, wie Regisseur Harald Demmer deutlich herausarbeitet, selbst 45 Jahre später nicht an Aktualität verloren hat.

Abgründe im Holzcontainer

Dem Anschein nach führen Johan (Jonas Gruber) und Marianne (Friederike Pöschel) eine vorbildliche Ehe. Sie Juristin, er Mitarbeiter an der Universität; zwei Kinder machen das vermeintliche Glück perfekt. Doch als Johan seiner Frau aus heiterem Himmel eine Affäre gesteht und offenbart, dass er bereits seit Jahren die Trennung will, gerät die doch nicht so heile Welt ins Wanken. Es folgen intime Geständnisse, Sehnsüchte, unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Mit jeder Szene bröckelt nicht nur das Bild der vermeintlichen Bilderbuchehe zwischen Johan und Marianne. Stück für Stück wird auch das Konstrukt der Ehe als solcher demontiert.

Dabei wird die Handlung, die sich über einen Zeitraum von knapp zehn Jahren erstreckt, von den Dialogen getragen. Die Nebenfiguren aus der Filmvorlage sind gestrichen. Der Fokus liegt einzig auf Johan und Marianne. Ihren Ängsten. Ihrer Verzweiflung. Ihrer Unfähigkeit, sich voneinander zu lösen — trotz Scheidung.

Dafür braucht man ein starkes Paar. Regisseur Harald Demmer hat es mit Jonas Gruber und Friederike Pöschel gefunden. Sie spielen die Rollen perfekt. Pöschel gelingt als Marianne der Drahtseilakt zwischen Verletzlichkeit, Leidenschaft und Kraft. Gruber ist ihr ein ebenbürtiger Partner, als Johan mal spitzbübisch charmant, mit einem Lächeln, das nicht nur Marianne um den Finger wickelt, dann wieder überheblich-arrogant, sogar aggressiv und gewalttätig. Und vor allem eins: verzweifelt.

„Ich weiß kaum noch, wer ich bin. Irgendjemand hat auf mich gekotzt. Und ich bin in der Kotze ersoffen“, hadert Johan mit den gesellschaftlichen Zwängen, die ihm die Luft abschnüren. Starker Tobak. Den Kontrast dazu bildet die fröhlich-lockere Musik beim Szenenwechsel. Liebeslieder, natürlich. „When a Man loves a Woman“, „I Got You Babe“.

Es ist ein Auf und Ab der Gefühle. Liebe. Hass. Verzweiflung. Gleichgültigkeit. Doch es darf auch gelacht werden — es wird gelacht! Während Bergman die Figuren in seinem Film mit einer fast schon unerträglichen Ernsthaftigkeit das Scheitern ihrer Ehe sezieren lässt, zeigt Demmers Inszenierung am Grenzlandtheater das Spannungsfeld zwischen Komik und Tragik. Insbesondere Grubers humoristisches Timing sorgt beim Publikum immer wieder für Lacher.

Bewegung in die statische Vorlage des Schweden bringt auch das sich stetig verändernde Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Manfred Schneider). Schritt für Schritt, Szene für Szene entfernt Johan eine weitere Seite des großen Holzcontainers, der die Requisiten beherbergt — Abstellkammer, Wohnzimmer und Umkleideraum zugleich. Und mit jedem Mal öffnet sich eine weitere Tür, wird ein tieferer Blick in das narbenzerfurchte Beziehungsgeflecht der beiden Figuren gewährt. Bis das ganze „Gerümpel“, das sich im Laufe ihrer Ehe angesammelt hat, offengelegt wird — Wünsche, Ängste, Abgründe.

Was also ist die Liebe? Diese Frage, die Marianne ihrem Johan zu Beginn des Stücks stellt, bleibt auch nach knapp zwei intensiven Stunden ohne Pause offen. Doch die Botschaft bleibt, selbst als der Schriftzug längst nicht mehr auf der Bühne zu sehen ist: „Fragile. Handle with care.“ Eine beeindruckende Inszenierung.

Das Publikum würdigt dies mit langem Applaus und stehenden Ovationen.