Aachen: Grenzlandtheater: Krieg im Klassenzimmer

Aachen: Grenzlandtheater: Krieg im Klassenzimmer

In grüner Tafellandschaft, umgeben von krakeligen Herbstbildchen, Kuschelecken und Kastanienmännchen (Bühne: Manfred Schneider) treffen sie aufeinander. Die Eltern im Klassenzimmer stehen kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Ihren Viertklässlern dräuen die Herbstzeugnisse, die über die „Qualifikation” für die weiterführende Schule entscheiden.

Und wenn Laura oder Lukas nicht aufs Gymnasium kommen, was soll dann aus ihnen werden? Womöglich erwartet sie dann eine „Hartzer-Karriere” und die Eltern der soziale Abstieg?

Damit es nicht dazu kommt, haben sich die Eltern in Lutz Hübners plakativem Stück „Frau Müller muss weg” zusammengetan und wollen die bislang beliebte Pädagogin „absetzen”. Denn die Leistungen der meisten Kinder sind nicht zufriedenstellend.

An der Spitze der Bewegung agiert die resolute Jessica, von Kerstin Thielemann herrlich zickig-zynisch verkörpert. Sie hetzt alle auf: den verbitterten Wolf, die hysterische Marina samt ihrem unsympathischen Mann Patrick und auch die eher unparteiische Katja, deren Sohn Fritz ein Einser-Schüler ist.

Als die freundliche Lehrerin eintrifft, wird sie von Katja sogar mit einem Blumenstrauß begrüßt. (Perfekte Kostüm-Realisation: Heike M. Schmidt als Leitende sowie Linda Lange und Ann-Kathrin Weihl)

Doch dann droht der Kriegsausbruch: Von der kühlen Jessica mit vermeintlichen Fehlern konfrontiert, weiß Frau Müller sich kaum zu wehren. Lebensecht und fast bemitleidenswert gibt Kerstin Westphal dieser gebeutelten Frau starkes Profil.

Fein austariert zwischen Komik und Tragik gefällt Frank Voß als arbeitsloser Wolf, der seine Tochter Janine vorbehaltlos verteidigen will. Komödiantisch aufspielend als Supermama Marina erhält Natalie Forester die meisten Lacher.

Stefan Kiefer beeindruckt als unsicheres Ekelpaket Patrick. Katharina Waldau überzeugt als alleinerziehende Katja mit Charme, der später grandios in einen unerwarteten Wutausbruch übergeht. Denn wütend sind sie alle, schließlich geht es um die eigene Brut und deren Fortkommen.

Souverän humorvoll und ohne Plattitüden inszeniert Harald Demmer den Krieg im Klassenzimmer. Lutz Hübner (46) gelingt ein treffsicheres Bühnenstück.

Ein Ibsen oder Miller ist er nicht, doch seine gut gefügten „Bausteine” ergeben bei geschickter Regie und starken Mimen ein vergnügliches, spannendes oder aufrüttelndes Theatererlebnis, je nach Thema. Die unerwartete Wende am Schluss vereint alle drei Qualitäten und veranlasst das Publikum zu Beifallsstürmen.

Weitere Vorstellungen im Aachener Grenzlandtheater in der Elisen-Galerie gibt es täglich bis zum 5. Dezember, vom 6. bis 16. Dezember Aufführungen in der Region. Beginn der Vorstellungen um 20 Uhr sowie am 20.und 27. November zusätzlich um 16 Uhr. Telefonische Kartenbestellungen unter 0241/4746111.