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Pulheim: Goldfieber in Pulheim: „Bürohengste” auf Schatzsuche

Pulheim : Goldfieber in Pulheim: „Bürohengste” auf Schatzsuche

Vorsichtig lockert Volker Sternberg mit dem Spaten den Boden. Das krümelige Erdreich verteilt er behutsam auf dem Rand des inzwischen rund ein Meter tiefen Lochs, in dem er steht. Gewissenhaft lässt er seinen Blick über den Aushub wandern. Nichts.

„Du denkst immer: Da ist was!, aber dann war es doch nur eines der gold-gelben Blätter, die hier von den Bäumen fallen”, sagt der 46-Jährige aus Neuss. Von dem Gold, das hier in 28 kleinen Barren versteckt sein soll, keine Spur.

Volker Sternberg ist einer der ersten, die am Freitagmorgen auf dem städtischen Grundstück zur Schatzsuche erschienen sind. Beige Kappe, graue Regenjacke, mit Wasserflasche und Pflastern ausgerüstet. Normalerweise würde er um diese Zeit, an seinem letzten Urlaubstag, Walken gehen. Ein Büromensch sei er. Aber auch Hobbykünstler. Nach einer Dreiviertelstunde spürt er bereits die ungewohnte Belastung. „Tennisarm”, sagt Sternberg.

Am Donnerstag hatte der Berliner Künstler Michael Sailstorfer sein Projekt „Pulheim gräbt”, das als Teil der Pulheimer Reihe „Stadtbild.Intervention” vom Land NRW gefördert wird, der Öffentlichkeit übergeben. Im August hatte er den Goldschatz (Gesamtwert: 10.000 Euro) auf der 500 Quadratmeter großen Brache vergraben und gelben Senf darüber gesät. Vom Senf ist nicht mehr viel übrig. Die meisten Pflanzen liegen plattgetrampelt am Boden.

Und denen, die noch aufrecht stehen, macht Gregor den Garaus. Breitbeinig hat er sich am Rand positioniert, weit holt er mit der Axt aus, hackt einer Verzweiflungstat gleich mal hier, mal da auf den Boden ein. Den Aushub würdigt er keines Blickes. Auch ein Bürohengst sei er, der in solchen Arbeiten ungeübt ist. „Aber wenn man eine Aufgabe vor sich hat...”, sagt er entschlossen. Binnen weniger Minuten sind seine Wangen rotgefleckt, der Schweiß steht ihm auf der Stirn, einzelne Perlen tropfen von der Nase.

Nebenan hat sich Peter Klutman, Postbote, ans Werk gemacht. Immer ein Lächeln auf den Lippen, ist er auch nicht um Ideen zur Verwendung des Goldes verlegen. „Och, Weihnachten steht ja schon fast vor der Tür, vielleicht kann ich den Kindern was schenken oder in den Urlaub fahren”, sagt er. Für Klutman ist es der zweite Tag. „Am Donnerstagabend habe ich noch überlegt, mein Auto da auf dem Parkplatz abzustellen und die Scheinwerfer anzumachen, aber dann wäre die Batterie schnell leer gewesen”, erzählt er.

Da, auf dem Parkplatz, ist eben ein älterer Herr nach seinem Einkauf beim Getränkehändler in sein Auto eingestiegen. Mit hoch- rotem Kopf blökt er „Wofür gehen wir eigentlich wählen?” und „Alles von unseren Steuergeldern!” in Richtung Brache. Die etwa zwanzig Menschen, die dort inzwischen zugange sind, irritiert das nur kurz. Dann schrappt das Metall der Werkzeuge weiter an Backsteinen, Schutt und Eisenteilen entlang. Weicher Grund ist schwer zu finden.

Auf jeden Goldgräber kommen mindestens zwei Zuschauer und zwei Journalisten. Zwischen den Neugierigen finden sich auch einige Kurzentschlossene, die kurz verschwinden und mit Hacken, Spaten oder Schaufeln zurückkehren. Die Gerüchte der frühen Morgenstunden haben sich gegen halb zwölf zu Tatsachen entwickelt. Am Freitagabend sei schon was gefunden worden, heißt es. Und der Künstler habe Löcher für das Gold gebohrt.

Der einzige, der das ziemlich genau beurteilen kann, ist der zweite Chef des Getränkemarktes - aber der darf nichts sagen. Dabei weiß er beispielsweise, dass sich der Künstler in einem Raum über dem Getränkemarkt einquartiert hat, der der Stadt gehört. „Ziemlich sauer”, sei der Sailstorfer gewesen, dass die Stadt herausposaunt habe, dass er mit der Kamera die Buddelei dokumentieren wolle. Die Sache mit den Bohrern bestätigt Wolfgang Weiß.

Das habe er mit eigenen Augen gesehen. Er grinst breit. Ja, er wisse, wo er suchen müsste. „Aber das wurde uns verboten”, sagt Weiß. Ärgern würde ihn das nicht, wenn er ausrechnete, wie viel er in der Zeit verdient, in der die Goldgräber nebenan schwitzen. Ärgern würden ihn nur die Ignoranten, die seinen Parkplatz zustellten, ihn beleidigten, aber nicht bei ihm einkauften.

Gegen Mittag hat Volker Sternberg Blasen an den Fingern. Das rechte Handgelenk hat er auf dem Griff des Spatens abgelegt. Die Hand zittert. Immer noch nichts. Zwei Meter weiter plötzlich Unruhe. Lena und Sandra Bär haben Gold gefunden. Die 13- und elfjährigen Schwestern aus der Nähe von Stuttgart sind bei den Großeltern zu Besuch. Scheu halten sie das eingeschweißte Gold in die Kameras. Dann werden sie von der Oma abkommandiert: „Mittagessen”. Die Zurückbleibenden sprechen von „ein bisschen Neid” und „gönnen können”. Und Gregor, der eigentlich längst weg sein wollte, drischt weiter stumm auf unbearbeitete Flächen ein.

Manche sagen, nach einer Woche solle hier, an der Jakobstraße, Schluss sein. Offiziell ist das Ende offen.