Würselen: Gocoo: Das Feuerwerk der Rhythmen auf Burg Wilhelmstein

Würselen: Gocoo: Das Feuerwerk der Rhythmen auf Burg Wilhelmstein

Blitz und Donner erschüttern das Gemäuer von Burg Wilhelmstein. Regen prasselt auf das weiße Schutzdach der Freilichtbühne, und für ein paar magische Minuten kann man kaum unterscheiden, ob die entfesselte Naturgewalt nur aus dem graugrünen Himmel kommt, oder ob es die Trommlerinnen und Trommel der japanischen Taiko-Band Gocoo sind, die hier ein großes Feuerwerk der Rhythmen entfachen.

Etwa 40 kleine und große Trommeln stehen bereit. Bescheiden und leichtfüßig kommen sieben Frauen und vier Männer sowie ein nicht trommelnder Musiker auf die Bühne. Er wird im Laufe des Konzerts durch das Spiel auf Naturinstrumenten für eine weitere Dimension der Klänge sorgen wird.

Gocoo - das ist Weltmusik der besonderen Art. Sobald die weißen Stöcke in den Händen wirbeln und auf die Trommeln niedersausen, gilt an diesem Abend nur noch das Gesetz der berauschenden Klangkaskaden, der atemberaubenden Wechsel und einer explosiven Freude, die irgendwo aus emotionalen Urtiefen aufsteigt.

Faszinierender Mittelpunkt der Truppe ist Lead-Drummerin Kaoly Asano. Ihre von federig weißen Strähnen durchzogene lange, in der Mitte gescheitelte Lockenmähne fliegt bei jedem Trommelschlag wie eine dunkle Wolke, das schmale weiße Gesicht leuchtet, ihre Augen blitzen. Als Einzige trägt sie einen glitzernden Halsschmuck. Über dem weißen durchscheinenden Rock baumeln weiße Schnüre, die jede Bewegung mitmachen. Ihr himmelblaues Oberteil unterstreicht die zierliche, durchtrainierte Figur.

Wie die Hohepriesterin eines Naturvolkes führt sie ein straffes Regiment in dieser ungewöhnlichen Truppe. Alles ist einer grandiosen Choreographie unterworfen, die der Begriff „trommeln” nur unzureichend umschreibt, denn während sich die Sequenzen in immer neuen Klangfarben aneinanderreihen, springen die Frauen und Männer bei jedem Schlag mit akrobatischer Kraft hinein in diese Musik. Was so natürlich, fließend, ästhetisch und spontan wirkt, ist hart erarbeitete Perfektion. Jede Drehung, jede Aktion mit einem oder zwei der hell leuchtenden Stöcke, jeder Sprung, jede Pose ist genau kalkuliert und absolut synchron. Hier macht niemand, was er will.

Gocoo, 1997 in Tokio gegründet, haben ihre Disziplin zur persönlichen Kunstform stilisiert und sind damit weltweit erfolgreich. Sie schöpfen zwar aus der japanischen Kulturgeschichte, wollen aber nicht als Interpreten klassischer Landesmusik gesehen werden. Spielerisch sind dennoch in ihrer von sekundengenau eingesetzten Lichteffekten gestalteten Show Bilder aus der japanischen Mystik eingeflochten. So gibt es einen Maskentanz, der an den Trommeln beginnt und schließlich in einem temperamentvollen Exkurs mitten in das nun endgültig gefesselte Publikum gipfelt.

Und auch Japans Gegenwart bleibt nicht unerwähnt. Formvollendet und mit zartem Charme, der die athletische Kraft dieser Künstlerin kaum vermuten lässt, begrüßt Kaoly das Publikum in Würselen und vergisst dabei nicht, an die Gocoo-Auftritte 2004 und 2007 zu erinnern. „Wir fühlen uns hier wie zu Hause”, lächelt sie.

Selbst der 11. März 2011, Tag der Nuklearkatastrophe von Fuku-shima, wird kurz thematisiert. Sie wollen die Erinnerung als Mahnung in die Welt tragen, betont die Lead-Drummerin, und sie haben sogar ein eigenes Musikstück dazu im Gepäck, in dem sie trommelnd und singend die Klage um die Opfer, aber vor allem die Hoffnung auf das Leben zukünftiger Generationen umsetzen. Ein anrührender Moment, in dem das Publikum (die meisten ohne Japanisch-Kenntnisse) sogar tapfer den Refrain liefert.

Und dann geht es mystisch weiter, wird der schwarz-gold schimmernde Gong bearbeitet, der Klangteppiche unter die Trommelrhythmen fließen lässt. Auf erhöhtem Podium schlagen zwei Männer die größten Trommeln. Auch sie sind perfekt positioniert, wirken groß und massig wie grimmige Tempelwächter, besonders dann, wenn sie von unten angestrahlt werden.

Beim späteren Maskentanz kann man sehen, dass sie nicht viel größer als die anderen sind. Am Bühnenrand „kommentiert” ein weiterer Musiker das Bühnengeschehen mit „sprechenden” Naturinstrumenten, eins davon ist ein Didgeridoo, das er virtuos zum Einsatz bringt. Wer glaubt, das sei ausschließlich eine Spezialität der Aborigines Australiens, staunt: Tatsächlich gehört das Didgeridoo gleichfalls zur Musik der Ainu, der Ureinwohner Nord-Japans, die unter anderem die Kurilen-Inseln, Hokkaido und Sachalin besiedelt haben.

Im Konzert wird es zum wunderbaren Element einer Show, die Erinnerungen an die Völker der Meere und an das vielschichtige Kulturerbe Ozeaniens pflegt. Und wieder überrascht Kaoly Asano, die jetzt einer prächtigen rosafarbenen Muschel Melodien entlockt. Doch bevor die Szenerie zu gefühlig werden kann, geben sich wieder alle der unbändigen Freude an Rhythmus, Bewegung und Klang hin. Die glücklichen Gesichter glänzen vom Schweiß, die Arme werden nicht müde. „Wollt ihr mehr?”, ruft Kaoly in den tosenden Applaus.

Die Zuschauer springen von den Plätzen, viele bewegen sich im Rhythmus, klatschen mit und feiern diese Gruppe. Alle Gedanken und Blicke sind auf Gocoo gerichtet. Zwei Stunden lang war der Alltag ganz weit fort. Nun ist das Gewitter vorbei.