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Bonn: Glanzrollen als Gescheiterter

Bonn : Glanzrollen als Gescheiterter

Er schlug sich mit Berliner Polizeibeamten die Nächte um die Ohren, setzte sich in schäbige Kneipen, backte drei Wochen lang frühmorgens Brötchen.

Günter Lamprecht stürzte sich ins Milieu, um für seine Film-, Fernseh- und Theaterrollen zu lernen. So schrieb er als Milieudarsteller Filmgeschichte. In der Rolle des Franz Biberkopf aus Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz” oder des einzelgängerischen „Tatort”-Kommissars Franz Markowitz ist er einem Millionenpublikum bekannt, auch wenn er nie zu den umschwärmten deutschen Filmstars gehörte. Am Freitag feiert Günter Lamprecht seinen 75. Geburtstag.

Schlaflose Nächte

Momentan brütet Lamprecht in aller Abgeschiedenheit in seiner Bornheimer Wohnung nahe Bonn über dem zweiten Teil seiner Memoiren, den er im kommenden Jahr auf der Buchmesse in Leipzig vorstellen will. Anknüpfend an sein erstes Buch „Und wehmütig bin ich immer noch. Eine Jugend in Berlin” will er seine Lebensgeschichte fortschreiben.

Mehr als zehn Mal sei er dem Tod entronnen, sagt Günter Lamprecht im Gespräch - das letzte Mal beim Amoklauf eines 16-Jährigen im November 1999 in Bad Reichenhall, bei dem er Durchschüsse durch beide Arme erlitt. „Ich habe jede Woche noch schlaflose Nächte, in denen ich eine Hinrichtung erlebe und schweißgebadet aufwache.”

Mit dem tragischen Ereignis soll nicht nur seine Autobiografie enden, er will seine Erlebnisse auch in ein Drehbuch mit dem Arbeitstitel „Amok” einbringen, das den Amoklauf eines Schülers thematisieren und voraussichtlich im kommenden Jahr für das Fernsehen verfilmt werden soll.

Der Sohn eines Taxifahrers und einer Landarbeiterin, der in Berlin aufwuchs und in der Stadt bis heute seine Heimat sieht, gab sich beim Aussuchen seiner Rollen stets wählerisch und unbestechlich.

Viele Drehbücher waren ihm zu banal, viele Figuren zu „doof und zu unglaubwürdig” - obwohl ihm oft hohe Gagen angeboten worden seien. Wenn er auf die Bühne oder vor die Kamera tritt, will er aufrütteln, soziale Kritik üben, Diskussionen entfachen.

Gescheiterte und gestrauchelte Existenzen gehörten zu seinen Glanzrollen. „Da ich selber aus dem Proletariat stamme, gelingen mir diese Figuren am besten”, sagt Lamprecht, der sich in zahlreichen Aushilfsjobs verdingte, bevor er mit 23 Jahren seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin begann.

Seine erste Film-Hauptrolle spielte Lamprecht 1976 in „Das Brot des Bäckers” und gewann damit den Lubitsch-Preis. Es folgten weit mehr als 150 Film- und Fernsehrollen.