Aachen: „Gewäsch und Gewimmel“: Brigitte Kronauer verlangt Lesern einiges ab

Aachen: „Gewäsch und Gewimmel“: Brigitte Kronauer verlangt Lesern einiges ab

Gefällig waren ihre Bücher nie. Im Gegenteil: Vielfach preisgekrönt, hat Brigitte Kronauer den Ruf, eine schwierige Schriftstellerin zu sein. Auch ihr zehnter Roman „Gewäsch und Gewimmel“ verlangt Lesern einiges ab.

Sie finden keine einfache Handlung mit Anfang und Ende, kein überschaubares Personal, das zur Identifikation einlädt, sondern ein geistreiches Wimmelbuch aus Erzählsplittern, mit Dutzenden Figuren. „Ich mache es dem Leser ganz besonders leicht!“, meint die Autorin. Warum, das erklärt sie Jenny Schmetz per Telefon aus Wien — die 72-Jährige ist auf Lesereise, am Sonntag wird sie in ihrer alten Heimat Aachen auftreten. Ein Gespräch über die mediale Informationsflut, über Schicksal und Stuhlgang, komische Lesererwartungen und ihre kurze Vergangenheit als Lehrerin.

Heute schon Zeitung gelesen, Frau Kronauer?

Brigitte Kronauer: Nein, zu Hause gehört das natürlich zum Morgenritual, aber hier im Hotel habe ich Fernseh-Nachrichten geguckt.

Wenn man Ihren neuen Roman liest, gewinnt man den Eindruck, dass Sie ein Nachrichten-Junkie sind.

Kronauer: Das bin ich nicht. Aber man wird ja überall mit Nachrichten bombardiert, selbst wenn man am Flughafen aufs Gepäck wartet. Da teilt mir eine Fließschrift mit, was Oliver Kahn gesagt hat, ich erfahre von sintflutartigen Regenfällen auf Sardinien oder Terroropfern und dann wieder, was irgendein Filmstar meint. Das läuft an mir vorbei, als wäre alles gleichermaßen wichtig und unwichtig.

Ein Gewäsch und Gewimmel! Versuchen Sie, mit Ihrem Roman ein Abbild dieser medialen Informations-, Reiz- und Bilderflut der Gegenwart zu geben?

Kronauer: Es ist teilweise ein Abbild — fragmentarisch und ohne Hierarchie der Bedeutungen. Alles prasselt über einen herein. Aber andererseits bin ich mir natürlich darüber im Klaren, dass ich nicht einfach einen Roman als Addition schreiben kann. Ich versuche, aus allem eine kleine Anekdote, eine kleine Erzählung zu machen.

Sie verarbeiten nicht nur Nachrichten über Katastrophen, Krisen, Kuriositäten, sondern auch Aphorismen, Sagen, Kalendergeschichten, Lebensfetzen — es ist ein Sammelsurium von Erzählfragmenten und Schicksalen auf 612 Seiten, fast 400 Kapitel mit Dutzenden Figuren. Wie haben Sie da selbst den Überblick behalten?

Kronauer: Ich habe mir natürlich Listen gemacht und aufgeschrieben, auf welcher Seite welche Figuren auftauchen. Aber es ist nicht nur ein Sammelsurium. Das Ganze entsteht aus dem Kopf der Physiotherapeutin Elsa Gundlach: Sie liegt nachts wach und wird von ihren Patienten bedrängt, sie erinnert sich, fantasiert, halluziniert. Das erste Kapitel heißt „Wartezimmer“, und mir wäre es sympathisch, wenn man den Roman wie eine große Illustrierte liest — mit lauter kleinen Geschichten.

Das „breite, dumme Publikum“ will „sogenannte richtige Geschichten“. Diesen Satz legen Sie Schriftsteller Egon Pratz, einer Ihrer Hauptfiguren, in den Mund. Ihr Roman ist keine solche „richtige Geschichte“.

Kronauer: Ich glaube, die kleinen Splitter bieten schon eine Geschichten-Dramaturgie. In der Liebesgeschichte im Mittelteil nehme ich zudem eine Figur mit all ihren differenzierten Empfindungen unter die Lupe — stellvertretend für die vielen kleinen Schicksale. Für alle spielen die Liebe und der Tod eine Rolle — zwei große Themen der Literatur — und die Frage nach dem Lebenssinn. Hat es einen Sinn gegeben, oder war alles Zufall?

Sie betonen, dass ihr Gewimmel kein Sammelsurium ist, dass Sie das Chaos ordnen. Ihr Autor Pratz meint: „Wir Schriftsteller überführen das Chaos in Ordnung, eine Prozedur wie der Stuhlgang, nur andersherum.“ Wühlen Sie als Schriftstellerin im Kot des Lebens?

Kronauer: Das ist etwas drastisch gesagt (lacht). Aber nur zu! Die Dinge, die wir essen, lösen sich im — wie heißt das? — Stoffwechselendprodukt auf. Ähnlich ungeordnet stürzt die Masse der Erlebnisse und Informationen auf uns ein. Ein Schriftsteller versucht, das Ganze — klassisch gesehen — in eine Linearität zu überführen oder eben in ein Netz von Bedeutungen. Ich neige eher zum Zweiten.

Dieses Netz macht es dem Leser nicht leicht. Er kann sich darin verfangen oder durch die Maschen fallen. Befürchten Sie, dass Leser rausstürzen oder aussteigen?

Kronauer: Es gibt sicherlich solche Leser, aber zu meiner Freude auch ganz andere. Ich glaube, man hat nur Schwierigkeiten, wenn man ein konventionelles Roman-Schema erwartet. Mir hat vorgeschwebt, Kalendergeschichten wie Johann Peter Hebel zu schreiben, ein Hausbuch, wie man es im 19. Jahrhundert hatte.

Der „Rheinländische Hausfreund“ zum Beispiel.

Kronauer: Genau! Man muss mein Buch auch nicht unbedingt von vorne bis hinten lesen, sondern kann es wie eine Zeitung irgendwo aufschlagen und mal da und mal dort ein Stückchen lesen. Insofern mache ich es dem Leser ganz besonders leicht! Man ist ja durch das Zappen im Fernsehen daran gewöhnt, dass man dauernd springt. Das ist also eine sehr heutige Leseart. Komischerweise erwarten die Leute vom Buch aber noch, dass alles in den braven, aber eigentlich veralteten Bahnen verläuft.

Aber Sie scheinen zu befürchten, dass Ihre Leser nicht aufmerksam sind. Sie testen Sie regelrecht mit Rätselfragen, geben Ihnen sozusagen Hausaufgaben auf. Kommt da die Lehrerin in Ihnen durch?

Kronauer: Das mit der Lehrerin höre ich nicht so gerne. (lacht)

Aber ein gewisser oberlehrerhafter Zug wird Ihnen öfters vorgeworfen.

Kronauer: Das ist so eine Klischeevorstellung! Die Leute haben irgendwo gelesen, dass ich auch kurze Zeit mal Lehrerin gewesen bin. Dann kommen sie nach einer Lesung, und man denkt, sie stellen eine Frage zum Roman, aber sie sagen: Ich war auch mal Lehrerin.

Das kommt vor?

Kronauer: Ja, natürlich! Ich verfluche im Grunde den Umstand, dass das mal irgendwann rausgekommen ist.

Aber um das noch kurz zu vertiefen: Sie waren auch in Aachen Lehrerin, am Gymnasium St. Ursula?

Kronauer: Ich war Schülerin an St. Ursula. Nach meinem Germanistik-Studium in Köln und meinem Abschluss an der Pädagogischen Hochschule in Aachen habe ich dann in den 60er Jahren kurze Zeit als Lehrerin bei Aachen gearbeitet.

Aber das Oberlehrerhafte kommt beim Abfragen der Leser schon noch ein bisschen durch — natürlich auch ironisch . . .

Kronauer: Sehen Sie, jetzt ist das Lehrer-Wort gefallen — und schon gehte_SSRqs los. So krass hat mir das allerdings noch keiner vorgeworfen! (lacht) Die Rätsel sind natürlich zur Auflockerung gedacht, als kleine witzige Geste. Mir ist doch völlig wurscht, ob Leser das beantworten können!

Zurzeit sind Sie auf Lesereise, fast jeden Tag in einer anderen Stadt. Warum machen Sie diesen „Literaturbetriebsquatsch“ mit?

Kronauer: Ich mache ihn ja nun sehr wenig mit. Zeitweilig habe ich überhaupt gar keine Lesungen gemacht. Aber ich glaube, dass sich die Zeiten geändert haben: Heute muss man schon ein wenig mehr in Erscheinung treten, um ein Buch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ich sehe Lesungen aber absolut nicht als „Literaturbetriebsquatsch“ an!

Das war wieder ein Zitat von Ihrem Schriftsteller Pratz...

Kronauer: Mit dem ich nicht identisch bin. Keineswegs! (lacht)

Sicherlich nicht! Aber vielleicht ist es eine ironische Selbstreflexion?

Kronauer: Gewisse Beobachtungen, die man als Schriftsteller an sich macht, spielen herein. Aber Pratz hat einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Er hat sich dem Publikum angepasst, um Erfolg zu haben. Das habe ich nie getan!

Er ist der „Plothuber“ geworden, der Sie nicht sind.

Kronauer: Ja. Wobei ich nichts gegen gute „Plothuber“ habe. Ein spannender, linearer Roman ist zur Entspannung etwas Wunderbares!

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