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Oberhausen: Genialer Meister des Doppelbödigen

Oberhausen : Genialer Meister des Doppelbödigen

Hochglänzendes Blech reiht sich an hochglänzendes Blech, das Stau-Ende verschwindet in Spielzeugbildgröße am Horizont. Mindestens ebenso geschniegelt wie ihre Autos sind die, die drin sitzen.

Die Mutter frisch frisiert im schicken Kostüm, der Vater im feinen Zwirn, auf dem Rücksitz die beiden Buben mit glänzend gebürsteten Haartollen. Oma, die zwischen ihnen sitzt, erkennt man erst auf den zweiten Blick. Das welke Sträußchen Maiglöckchen, das sie hochhält, wirkt wie ein Hilferuf.

In ihrem Blick liegt Verzweiflung. Erst da gewahrt man die bullige Bösartigkeit in den Gesichtern der Jungen, die feiste Eigenliebe im Gesicht der Mutter, das stumpfe Desinteresse in den Augen des Vaters.

Und man sieht noch etwas: Wie in einem Spiegel im Spiegel wiederholt sich dieses Bild durch die Heckscheiben hindurch von Auto zu Auto. „Muttertagsausflug” hat Gerhard Haderer diese 1998 entstandene Zeichnung genannt.

ls eines von 160 Originalen ist sie in der Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen zu sehen.

Die Ausstellung „Unser täglich Wahnsinn” illustriert perfekt, was die Qualität des 1951 in Leonding (Österreich) geborenen Zeichners ausmacht.

Mit Genauigkeit entwirft er ganz alltägliche Situationen, denen immer etwas Doppelbödiges anhaftet. Nicht, weil Haderer das hinein interpretiert, sondern, weil es so ist.

Der Ausflug am Muttertag endet tatsächlich meistens als Stau-Schau, um die Mutter oder die Oma geht es dabei am wenigsten, und Lust dazu hat eigentlich niemand.

Man tut, was man tun muss: Setzt das brüllende Baby und die eigenen Fleischmassen der sengenden Sonne aus („Strandfreuden”) oder verbringt die Weihnachtsfeiertage fest verschraubt mit dem Sofa („Romeo und Julia”).

Haderer, Haus-Karikaturist der Zeitschriften „Stern” und „Profil”, thematisiert Fitnesswahn und Familienidylle, Jugendkult und Jodlerseligkeit, Urlaubserlebnisse und Ur-Ängste.

Was passiert, wenn Bodybuildern der Hormon-Cocktail ausgeht? Wie bekämpft frau effektiv ihre Falten? Wodurch entsteht bei künstlicher Befruchtung ein ideales Kind?

Haderer, der von sich selbst sagt, er habe „einen bestimmten stacheligen Geist” kennt die Antworten und er spricht sie aus.

Seine Figuren haben strahlende Zähne, aber gemeine Schweinsäuglein, sie kaschieren ihre Zellulitis mit grellbunten Klamotten und ihre Banalität mit ritualisierten Handlungen.

Verglichen mit diesen ganz alltäglichen Wohlstands-Aliens ist Gottes Sohn ein netter Kerl. In der Bildergeschichte „Das Leben Jesu”, die im vergangenen Jahr in Österreich einen Skandal auslöste, tritt er als lieb lächelnder Langhaariger auf, der die Hand zum Peace-Zeichen erhebt und sich ab und zu eine Nase voll Weihrauch gönnt. Zufriedener als Haderers spießige Bürger wirkt er allemal.