1. Kultur

Aachen: Genialer Blick in die Welt kleiner Leute

Aachen : Genialer Blick in die Welt kleiner Leute

Es ist kurz vor Weihnachten, Paris 1954: Die wogenden Menschenmassen drängeln sich vor hell erleuchteten Schaufenstern, lachende Mütter heben ihre Kinder auf die Schulter, um den Kleinen einen Blick auf all den Glanz zu gönnen.

Inmitten des ausgelassenen Trubels erblickt der Fotograf Willy Ronis, der einmal von sich sagen wird, sein Leben lang ein „Jäger des Augenblicks” gewesen zu sein, das ganz Besondere, Einzigartige an dieser Szene - und drückt ab: Plötzlich ist in der Menge ein Mann aufgetaucht, der so ganz und gar nicht in den fröhlich kreisenden Vorweihnachtswirbel passen will.

Grimmig und rätselhaft finster blickt er unbeweglich drein - der Teufel selbst dürfte nicht mieser gestimmt gewesen sein...

Das hintergründige, nur scheinbare Zufallsbild offenbart die typische Handschrift Willy Ronis, einem der ganz großen Meister der französischen Fotografie des 20. Jahrhunderts. An Bedeutung kommt er dem kürzlich verstorbenen Henri Cartier-Bresson gleich, mit dem er in den Fünfzigern in New York an Ausstellungen teilgenommen hat.

Bisher unbekannt

Obgleich international anerkannt und mit vielen Preisen ausgezeichnet, ist Willy Ronis seltsamerweise in Deutschland weitgehend unbekannt geblieben. Jetzt, im biblischen Alter von 94 Jahren, erfährt der gebürtige Pariser auch hierzulande endlich die gebührende Beachtung.

Und das ist dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu verdanken, genauer: seiner Kustodien Sylvia Böhmer. Sie hat die erste umfassende Retrospektive Willy Ronis in Deutschland organisiert.

160 Schwarzweiß-Arbeiten aus mehr als 50 Jahren dokumentieren eindrucksvoll im großen Ausstellungssaal des Aachener Museums die einfühlsam eingefangene Bildwelt dieses genialen Meisters der Kamera. Bei der Eröffnung am Freitagabend, 20 Uhr, wird der betagte Künstler anwesend sein.

Anders als Cartier-Bresson, der seine Motive im mindestens gutbürgerlichen Milieu fand, interessiert sich Ronis für die Welt der kleinen Leute, Handwerker, Kellner, Marktfrauen...

Nicht in die Pracht-Avenuen richtet er seine Kamera, sondern in den scheinbar unscheinbaren Alltag im Pariser Arbeiterviertel Belleville, in die Seitenstraßen abseits des inszenierten öffentlichen Lebens, fast immer in Paris. Die Faszination seiner Geburtsstadt hat den Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland und Litauen nie losgelassen.

Ronis legendäre Dokumentar- und Reportagebilder von den Streiks bei Citroen Ende der 30er Jahre haben heute in Frankreich den ikonenhaften Charakter eines nationalen Erbes. Aber es sind nicht nur die pathetischen Gesten der kämpferischen Gewerkschafterin Rose Zehner, die Ronis zu dieser Zeit als Symbol des Widerstands verewigt.

Da findet sich auch das geballte Fäustchen eines kleinen Mädchens, auf den Schultern des Vaters sitzend, am Rande eines Demonstrationszuges. Es sind immer wieder diese Seitenblicke an den Rand der großen politischen Ereignisse, die Ronis zu einem führenden Vertreter der in Frankreich so genannten „humanistischen Fotografie” werden lassen.

Doch nicht etwa ein vordergründiger sozialkritischer Impetus leitet nach dem Zweiten Weltkrieg seine Blicke auf die Pariser Straßenszenen, sondern eher das Interesse, Menschen „würdevoll in ihrer alltäglichen Umgebung zu zeigen”, wie er es selbst einmal formuliert.

Die von Sylvia Böhmer geschickt zusammengestellte Ausstellung präsentiert die Motive nach Themengruppen wie „Menschen auf der Straße”, „Marktszenen” oder „Bilder aus der Provence” chronologisch geordnet unter dem Motto „La vie en passant”, gemeint als „Streifzüge durchs Leben”.

Der kleine Junge mit seinem großen Baguette, der Boulespieler im Moment des Wurfs, das ausgelassen hüpfende Tanzpaar, spielende Kinder unter der Straßentreppe oder im leeren Kohlenkahn auf der Seine - die Bilder erscheinen wie stille Studien des Lebens im Spiel von Licht und Schatten, melancholisch noch im Moment der puren Heiterkeit. In formaler Hinsicht wohlkomponiert, sorgfältig arrangiert, in der Tiefe wirkungsvoll gestaffelt und doch so flüchtig wie ein Augenblick - das ist die Kunst.

Wobei Ronis einen ausgesprochenen Sinn für Humor beweist, wenn er futuristisch geformte Pariser Telefonzellen fotografiert, in denen Menschen verschwinden und nur die Beine herausschauen. Viele Motive von Breughel-Werken - sein Lieblingskünstler - und musikalische Kompositionsprinzipien erkennt Sylvia Böhmer darüber hinaus in zahlreichen Fotos Ronis, der Musik studierte.

Erst vor zwei Jahren hat er die Kamera aus der Hand gelegt. zuletzt fotografierte er nur noch Akte. „Die konnten mir wenigstens nicht weglaufen”, sagte der 94-Jährige. Entdeckt hat Sylvia Böhmer Willy Ronis im übrigen im Fotografie-Museum Charleroi - fünf Bilder dort machten sie neugierig...