Düren: Geilenkirchener Klaviersommer wirkt wie bunte Familienfeier

Düren : Geilenkirchener Klaviersommer wirkt wie bunte Familienfeier

Es gibt Fragen, die bekommen Pianisten nicht vor jedem Konzert gestellt. „Haben Sie Angst vor Hunden?“ gehört definitiv dazu. Gabriele Taranto ist zum Glück ein angstfreier Mensch. Seit Sonntagmittag hat der Sizilianer aus Catania sogar einen neuen tierischen Fan.

Bela, die Hündin der Gastgeber, kam nach den letzten Takten von Joseph Haydns Klaviersonate C-Dur schneller auf den Pianisten zugelaufen, als die 15 zweibeinigen Zuhörer klatschen konnten. Ganz offensichtlich wollte Bela dem 32-Jährigen zu seinem virtuosen Spiel gratulieren. Der Pianist erwiderte den Dank formvollendet, indem er die Hündin hinter dem Ohr kraulte und sich in Richtung Publikum verneigte.

Haydn und Liszt

„Das ist mein erstes Hauskonzert abseits meiner Familie“, hatte Taranto zu Beginn verraten. Und ziemlich schnell dürfte sich der Besuch bei Gerd und Irène Spiess in Düren wie eine bunte Familienfeier angefühlt haben. Nicht nur in diesem Dürener Esszimmer hatten aufgeschlossene Gastgeber und Musikliebhaber am Sonntag Menschen zu Konzerten eingeladen.

In 23 weiteren Häusern in der gesamten Euregio gaben im Rahmen des Geilenkirchener Klaviersommers junge Musiker kostenlos kleine Kostproben ihres Könnens — sei es in einem Seniorenzentrum in Geilenkirchen, in einem Heerlener Wohnzimmer oder Aachener Musiksalon. Die räumliche Streuung der Hauskonzerte an diesem Tag war mindestens ebenso beachtlich wie die Qualität der Musiker.

Neben Haydns Klaviersonate hatte Gabriele Taranto mit Franz Liszts Ballade Nr. 2 h-Moll und dessen Klaviersonate h-Moll zwei der technisch anspruchsvollsten Werke des Komponisten ausgesucht. Die Augen der Zuhörer im Ess- und Musikzimmer waren auf die Finger des Pianisten gerichtet, die über die Elfenbeintasten des Steinway-Flügels aus dem Jahr 1916 sausten. Der fast nicht vorhandene räumliche Abstand lud dazu ein, das ein oder andere Erinnerungsvideo mit dem Smartphone zu drehen und diese besonderen Augenblicke festzuhalten.

Der verdiente Applaus fiel aus wie auf der großen Bühne: Mehrfach verließ Gabriele Taranto über die Verbindungstür zum Flur das Zimmer, um sich mit Beifall für eine Zugabe zurück an den Flügel holen zu lassen. Ganz anders als in den meisten Konzertsälen der Welt öffneten die Gastgeber anschließend die Terrassentür, reichten kleine Köstlichkeiten, die wiederum Gäste mitgebracht hatten, und schlugen ein Fass Kölsch an.

„So nah bist du sonst nie am Publikum dran. Ich hoffe, ich konnte meine Liebe zur Musik transportieren“, bedankte sich Gabriele Taranto bei seinen Gastgebern und Zuhörern. Schnell hatte er nach dem Konzert wieder ein T-Shirt an — und zusätzlich eine Kölschstange in der Hand. Er tauschte sich über Franz Liszts Technik aus und beantwortete Fragen.

Der 32-Jährige arbeitet als Musikdozent an der Hochschule, will sich aber einen Namen als Konzertpianist machen und dann alles auf eine Karte setzen. Aus diesem Grund nimmt er aktuell an vielen Wettbewerben wie in Geilenkirchen teil. Ein Hauskonzert sei eine gute Möglichkeit, sich selbst und neue Stücke im Repertoire auszuprobieren, befand Taranto nach seiner geglückten Premiere abseits der eigenen Familie.

Bei Gastgeber Gerd Spiess rannte der Pianist offene Türen ein. Seit mehr als 20 Jahren laden der Rechtsanwalt, der selber gerne und viel am Flügel sitzt, und seine Ehefrau Irène in wechselnder Besetzung Gäste und Musiker zu Konzerten ein. Über eine Aachener Klavierstimmerin erfuhr Gerd Spiess im vergangenen Jahr davon, dass für den Geilenkirchener Klaviersommer Gastgeber gesucht werden.

Das Konzert war bereits das zweite im Ess- und Musikzimmer der Dürener. Nach dem dritten Mal gilt im Rheinland bekanntlich: Eine Tradition ist begründet.

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