Aachen: Gegen Widerstände lieben: „Fidelio“ am Stadttheater

Aachen: Gegen Widerstände lieben: „Fidelio“ am Stadttheater

So mickrig sich die Tomatenpflanze auf der großen Bühne ausmacht, ganz allein im betongrauen Beet: Auch sie will ins rechte Licht gerückt sein. Regisseur Alexander Charim und Bühnenbildner Ivan Bazak schauen vom Zuschauerraum im Theater Aachen aufmerksam zu, wie ein großer, mit Folie abgedämpfter Scheinwerfer immer wieder vom Schnürboden auf das künstliche Pflänzchen herunterfährt, von einem Techniker zurechtgezupft und wieder in den Himmel geschickt wird.

Nur noch wenige Tage bis zur Premiere von Beethovens einziger Oper „Fidelio“ als Spielzeiteröffnung am Theater Aachen, die letzten Handgriffe vor den Hauptproben müssen sitzen. Die Stimmung ist konzentriert, aber nicht hektisch. Noch einige Male mildert das Pflänzchen die Härte seines Schattens, dann einigt sich die Beleuchtungsabteilung auf „ok“. Pause.

„Das ist nun wirklich kein leichtes Stück“, bekennt Charim später im Theatercafé. „Diese Begriffe von Revolution und Freiheit, dieses Pathos, das hat doch etwas sehr Blasses, Fremdes für uns heute.“ Der 33-jährige Regisseur spricht im Tonfall seiner Heimatstadt Wien, wo er mit jüdischen Wurzeln in theateraffinem Elternhaus aufwuchs, studierte und nach Praktika unter anderem an der Staatsoper sich als angehender Schauspielregisseur der Berliner „Ernst Busch“-Hochschule zuwendete.

Seit 2007 ist er frei unterwegs, er arbeitet, wie sein Bühnenbildner, zum ersten Mal in Aachen. Ludger Engels hat ihn bei einem Festival in Hannover kennengelernt und gleich verpflichtet. Charim sucht Verbindungen von Beethoven ins Heute: „Ein Punkt, den Beethoven brillant umreißt, ist die Normierung. Da gibt es sehr wenig Abweichung, sehr viel Gewalt. Auf diesem Hintergrund ist der Fidelio die Geschichte einer Frau, die darauf besteht, ihre Liebe zu leben. Glücklich zu sein in einer Welt, die das eigentlich nicht zulässt. Wie kann eine Beziehung funktionieren in einer Welt voller Gewalt? Diese Fragen haben uns sehr interessiert.“

Brüchig, bruchstückhaft ist die Vorlage: Die Oper ist in drei Fassungen mit vier Ouvertüren überliefert. Selbst in der letzten Fassung von 1814, die Aachens Generalmusikdirektor Kazem Abdullah dirigieren wird, ist der „Fidelio“ im Grunde nur eine biedere Nummernoper. Das reizt natürlich zu Eingriffen. Und Charim hat sich nicht lange bitten lassen.

Von den gesprochenen Dialogen ist kaum noch etwas übrig. „In unserer Aufführung, mit einer kleinen Ausnahme, sprechen die Sänger nicht“, sagt er. Die Dialoge sind sehr stark bearbeitet, etliche Texte hinzugefügt: Beethoven-Briefe, die Erzählung „Der Schmerz“ von Marguerite Duras spielen eine zentrale Rolle. Warum? Charim: „Ich wollte Härte, nicht Pathos. Ich habe vor den Proben geträumt: Wie ich mit meinen Fäusten an eine Gefängnistür schlage, um meine Frau zu befreien, so lange, bis sie bluteten. Bei Beethoven ist Leonore nur beseelt. Das ist mir zu weit von der Wirklichkeit entfernt.“ Folglich haben sich Charim und Bazak intensiv mit Bildern von heutigen Gefängnissen beschäftigt. „Wir haben viele Fotos von Jugendgefängnissen angeschaut, diese freundlich gestalteten Nicht-Orte. Das hat uns sehr inspiriert“, sagt Bazak, der auf der Drehbühne drei Zellen „gegeneinanderschneiden“ kann.

Daneben wird es einen Raum geben, der die (Alp)-Träume der Geschichte beherbergt. „Wir inszenieren Leonores Hineindringen in dieses Gefängnis wie einen Alptraum“, sagt er. Statt der Dialoge werden „Soundscapes“ aus dem Off in die Köpfe der Akteure auf der Bühne und die der Zuschauer eindringen. Charim setzt auf unverbrauchte Bilder, dichte Emotion. Dazu gehört auch das Tomatenpflänzchen, wie er es auf dem Foto in einem „freundlichen“ US- Jugendgefängnis entdeckte. Am Sonntag werden die kleinen roten Früchte auf der Bühne aufscheinen.

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