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Geburtstag: Eric Clapton wird 75 Jahre alt

Eric Clapton wird 75 Jahre alt : Das nächste Solo ist sicher das beste...

Er zählt zu den stilbildendsten Gitarristen der Rock- und Bluesszene der vergangenen fünf Jahrzehnte. Und auch mit 75 Jahren ist Eric Clapton noch aktiv. Am Montag feiert der Brite Geburtstag – und es gibt Menschen, die haben seine Karriere im wahren Wortsinn verfolgt.

Irgendwann hat sie aufgehört zu zählen. Waren es 280 Konzerte? Oder 300? Heidi Widmer ist natürlich auch an diesem trüben Abend vor knapp sechs Wochen dabei. Montag, 17. Februar, Hammersmith Apollo. Die altehrwürdige Konzerthalle im Londoner Westen ist ausverkauft. Eric Clapton steht auf der Bühne, um seines Kumpels Ginger Baker zu gedenken, der am 6. Oktober vergangenen Jahres gestorben ist. Jener Drummer, mit dem Clapton gemeinsam mit Bassist Jack Bruce Mitte der 1960er Jahre den Grundstein zu seiner Weltkarriere legte.

Da war Eric Clapton im zarten Alter von gerade einmal 20 Jahren, ein scheuer Mensch, dem  das Rampenlicht eher peinlich war. Der sich dennoch nicht dagegen wehren konnte, schon damals gottgleichen Status zugeschrieben zu bekommen. Aus dem Olymp hat er sich mehrfach verabschiedet, hat alle Tiefen ausgekostet und Sex, Drugs und Rock&Roll überlebt. Eric Clapton wird am heutigen Montag 75 Jahre alt. Eine Biografie über den Briten trägt den vielsagenden Titel „Survivor“, Überlebender.

Wenn in diesen Tagen in allen einschlägigen Foren, Zeitschriften, Onlineportalen oder TV-Sendern artige Geburtstagsadressen überbracht werden, wird eine Frage unberechtigterweise wohl eher im Hintergrund stehen. Was um alles in der Musikwelt macht einen wie Clapton so besonders? Warum verglühen manche Sternchen flotter, als deren Songs die Charts verlassen können? Und warum gibt es einige wenige, die dann wirklich Stars werden, über Jahrzehnte hinweg. Mit Millionen verkaufter Tonträger und stets ausverkauften Tourneen rund um den Globus?

90 Besuche im Wohnzimmer

Fragen wir doch einmal nach. Eben bei Heidi Widmer. Sie muss es doch wissen! Die jetzt 65-jährige Schweizerin kann wie wenige auf der Welt von sich behaupten, Claptons Karriere im wahren Wortsinn verfolgt zu haben. 1992 in der Royal Albert Hall war es, am 23. Februar: das erste Clapton-Konzert ihres Lebens. Fast wäre man versucht, dies einen schicksalshaften Abend zu nennen. Denn es ist dann doch eine Art Sucht, die Heidi Widmer bis zum heutigen Tag (fast) jedes erreichbare Clapton-Konzert besuchen lässt. Rund 90 waren es in Claptons Wohnzimmer, wie man die altehrwürdige Albert Hall im Londoner Stadtteil South Kensington nennt. Allein 33 Mal hat Heidi Widmer den britischen Blueser im legendären Budokan in Tokyo gesehen. In 19 europäischen Ländern war sie in Sachen Clapton  unterwegs, in zwölf US-Städten und neben Tokyo in vier weiteren japanischen Metropolen. Wir fragen noch einmal: warum?

Die Schweizerin Heidi Widmer – hier bei einem Konzert in der Royal Albert Hall am 13. Mai 2019 – hat Clapton in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 300 Mal live gesehen. Foto: ZVA/privat

„Bei meinem ersten Clapton-Konzert spürte ich eine Intensität, die ich zuvor noch nie so erlebt hatte“, sagt Heidi Widmer. „Wie kein anderer kann er die Gitarre sprechen, begehren, klagen, weinen oder schreien lassen, sein Stil ist bis heute unverkennbar geblieben.“

Dass der Ton die Musik macht, mag  man als Binsenweisweit abtun. Zu Unrecht. Denn auf den Ton kommt es an. Genialität ist keine Frage von kreativem Überangebot. „Mit einem Ton kann Eric Clapton etwas ausdrücken, wozu andere zehn Töne oder mehr brauchen“, weiß Widmer. Der Ton produziert dieses Suchtpotenzial. „Clapton interpretiert seine Soli jedes Mal anders, und als Fan wartet man stets auf ein noch besseres…“ Und wenn jemand wie Clapton entgegen früherer Ankündigungen doch nicht aufhört, auf Tournee zu gehen, dann geht diese Suche eben immer weiter.

Amerikanische Einflüsse

Das Blues-Schema, dessen sich Eric Clapton mit wenigen Variationen seit mehr als 55 Jahren bedient, lässt auf den ersten Blick nicht allzu viele Möglichkeiten zu. Nur zwölf Takte sind es, die Anzahl der Töne erscheint begrenzt.  Die britischen „Swinging Sixties“ sehen ganze Heerscharen von jungen Menschen, die sich unter Einfluss amerikanischer Bluesgrößen in allen Spielarten des Blues und Rock austoben. Die Beatles, die Stones, die Kinks oder die Yardbirds.

Bei Letzteren bedient 1963 ein junger Mann aus einem verschlafenen Nest namens Ripley westlich von London die elektrische Gitarre. Und dieser Eric Clapton tut das so anders als der Rest der Saitenkünstler, dass er schnell Kultstatus erlangt. Das Graffito „Clapton is god“ ziert eine Londoner Wellblechwand. Viele Kumpel – von Jeff Beck über Jimmy Page bis Jimi Hendrix – werden Clapton in Sachen Kreativität und Können in nichts nachstehen, ihn vielleicht in manchem übertreffen. Denn Clapton ist kein Außerirdischer, er ist auch eine Art Handwerker, ein Nachahmer, er kopiert, empfindet nach, stibitzt die ein oder andere Phrase gerne einmal bei seinen Vorbildern. Aber er findet dann eben immer genau den Ton, der aus den Millionen anderer herausragt.

Erster versuch eines Comebacks nach Jahren der Heroinabhängigkeit:  Eric Clapton am 13. Januar 1973 im Londoner Rainbow Theatre. Foto: imago/ZUMA Press/imago stock&people

Die Suche fordert ihren Tribut. Wie viele Altersgenossen lotet auch Clapton alle Grenzen des Machbaren aus. Alkohol, Drogen – schon mit 25 Jahren ist er ein ausgemachter Junkie. Weltberühmt und weltvergessen. Was ihn rettet? Letztlich die Musik. Dass er die Heroinsucht mit einem veritablen Griff zur Flasche  überwindet, galt damals schon nicht als therapeutischer Weisheit letzter Schluss. Mehr als zwei Flaschen Schnaps am Tag gehörten  im Musikbusiness aber offensichtlich zum guten Ton.

Das Faszinierende dabei ist eigentlich, dass Eric Clapton selbst im volltrunkenen Zustand noch in der Lage war, Musik auf hohem Niveau zu machen. Clapton hat auch die jahrelange Totalbenebelung  überlebt. Seit mehr als 30 Jahren ist er trocken. Und seitdem widmet er sein Leben auch dem Kampf gegen Drogen- und Alkoholsucht. Auf Antigua gründet er eine Spezialklinik. Einnahmen von Charity-Shows und Gitarrenauktionen – mehrstellige Millionenbeträge – fließen in das Projekt. Clapton findet seinen Frieden, er heiratet zum zweiten Mal, ist Vater von vier  Töchtern. Und er hat auch die größte Tragödie seines Lebens überstanden: 1990 stürzt sein damals vierjähriger Sohn aus dem 53. Stockwerk eines New Yorker Wohnhauses. „Tears in Heaven“ heißt die Therapie, die er in Töne gießt. Ironie des Schicksals. Die Songs, die er in Erinnerung an seinen Sohn schreibt, katapultieren Clapton letztlich ganz nach oben. Sechs Grammys heimst er 1993 für „Tränen im Himmel“ und ihre musikalischen Weggefährten ein.

Wenige Tage nach der Zeremonie in Los Angeles steht er in der Londoner Royal Albert Hall wieder auf der Bühne, um Blues zu spielen. Es sei gut, wieder in der Zivilisation zurück zu sein, bekennt er. Obwohl Clapton gerade in den 1990er Jahren gerne im Armani- oder Versace-Outfit auf den Dinnerpartys der Schönen und Reichen auftaucht, ist ihm der Rummel stets ein Gräuel. Interviews mag er nicht, ohnehin steht sein introvertiertes Wesen in bemerkenswertem Kontrast zu seinem offensichtlichen Bestreben, möglichst häufig live zu spielen.

Lieber spielen statt reden

Das kennzeichnet Claptons komplette Karriere, der Widerspruch zwischen Privatheit und öffentlicher Person. Clapton ist der Mega-Star, der am liebsten für sich ist. Kommunikation? Nur via Musik. Auf der Bühne spricht Clapton nicht, ja es gibt Shows, da kommt ihm mehr als ein „good evening“ oder ein „god bless you, good night“ nicht über die Lippen. Und es gibt Auftritte, die sind mit einer betonten Lieblosigkeit heruntergespielt, dass der Begriff Routine wie Schönfärberei klingt. Oder doch nicht?

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„Wenn Clapton mal einen schlechten Tag erwischt, ist es immer noch ein gutes Konzert“, sagt Heidi Widmer, „handgemacht und ohne viel Brimborium.“ Ja, Clapton redet nicht viel, er spielt lieber. Er ist schließlich Musiker und nicht Schauspieler... Auch das ist irgendwie das Los von Künstlern, die Songs für die Ewigkeit geschrieben haben: Kann man sich vorstellen, dass die Stones „Satisfaction“ einmal nicht spielen? Bei Eric Clapton sind es  „Layla“, „Wonderful Tonight“ oder „Cocaine“, die auf jeder Tour, bei jedem Konzert auf der Setlist stehen. Weil es das Publikum so will? Ganz sicher. Weil ein Künstler, für dessen Konzert man heutzutage auch einmal (un)gern 230 Euro für einen Sitzplatz in Bühnennähe bezahlen darf, sich dem Publikumsgeschmack andienen muss? Vielleicht.

Es geht auch anders! Am 19. April 1995 hat Eric Clapton im Maastrichter MECC gespielt. In großen Lettern stand draußen an der Halle  „Nothing But The Blues“. Und Clapton hat sich an sein Motto gehalten. Eine bemerkenswerte Tour war das. Blues und nichts als Blues! Die Puristen wähnten sich im siebten oder achten Himmel, das Gros der Fans fühlte sich (unberechtigterweise)  verschaukelt. Tapfere Rufe nach „Tears In Heaven“ oder „Layla“ wurden konsequent überspielt, nicht wenige verließen  enttäuscht die Halle. So viel Bekenntnis zur Kunst und so viel demonstrative Abkehr vom Mainstream würde man sich heutzutage mehr wünschen. Wohl vergeblich. Wenn Eric Clapton im kommenden Jahr am 8. Juni im Düsseldorfer ISS-Dome spielt, darf man sich auf das bestens bekannte Potpourrie aus dem Hit-Katalog freuen. Spontaneität? Nein danke...

Wir werden es Eric Clapton nachsehen, er hat sich die Altersruhe auch auf der Bühne sicherlich verdient. Und vielleicht gibt es ja an diesem Abend doch ein Solo, das dann noch besser ist als die vorherigen. Der Ton macht die Musik. Und Heidi Widmer wird 2021 genau hinhören, in Düsseldorf, danach in Zürich, Mailand, Bologna, Amsterdam, in Kopenhagen (natürlich bei beiden Konzerten in der Royal Arena) und in Helsinki. Was will man, pardon, was will sie machen?  Ein Ende ist eben nicht abzusehen.

 In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag Mr. Clapton!