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Köln: Fußball kann man nicht nur spielen, sondern auch lesen

Köln : Fußball kann man nicht nur spielen, sondern auch lesen

„NAbend allerseits.” Selbst wenn nicht Heribert Fassbender diesen seinen Kultsatz in ein Mikrofon spricht, ist jedem klar: Hier gehts um Fußball.

So auch am Donnerstagabend bei der lit.Cologne, als Schauspieler Joachim Król die 900 Zuschauer im „ausverkauften Stadion am Tanzbrunnen” mit eben jenem „N-Abend allerseits” begrüßte.

Doch sie waren nicht gekommen, um verschwitzte Spieler zu sehen, die den Ball über den Rasen ins Tor treiben. Nein, sie wollten Verse, Sätze, Geschichten von Menschen hören, die das Spielgerät über Zeilen und Buchseiten rollen lassen. Ein Torerfolg war dabei gänzlich unwichtig.

So schickten die beiden Trainer Król und Sportjournalist Christoph Biermann („Süddeutsche Zeitung”) zwei Teams auf den Platz, die in zwei Halbzeiten zwar nicht gegeneinander, dafür aber mit den Zuschauern spielten.

Mannschaft eins in Hälfte eins bestand aus den Hörfunk-Reportern Manni Breuckmann und Günter Koch sowie Werner Hansch, der vor elf Jahren vom Radio zum Privatfernsehen wechselte.

Den Anstoß nahm Breuckmann mit seiner Geschichte „Juskowiak und die Konfektschale” aus Frank Goosens Anthologie „Fritz Walter, Kaiser Franz und wir” vor.

Darin verarbeitete er auf sehr vergnügliche Weise sein erstes Fußball-Fernseherlebnis während des WM-Halbfinales zwischen Deutschland und Schweden 1958.

Sein Zuspiel nahm dann Hansch auf und dribbelte durch Christian Eichlers „Lexikon der Fußballmythen”. Dabei traf er die Themen Alkohol, Wohnen und Lust aus vollem Lauf ins Schwarze.

Dieses Tempo konnte Günter Koch nicht halten. Sein Aufsatz „Flanke, Schuss, vorbei. Wohin fliegt das Wort?” beinhaltete zwar interessante Taktikdetails einer Hörfunkreportage, war aber für eine Lesung in etwa so geeignet wie der 1. FC Köln für die Bundesliga - viel zu umständlich.

Nach der Pause mutierte dann Joachim Król zum Spielertrainer und las selbst die Geschichte „Westfalia Herne, mein Vater und ich” vor, worin es um das sehr persönliche Zusammenspiel zwischen ihm und seinem Vater ging.

Dabei ge- und misslangen ihm die typischen Doppel- und Fehlpässe eines Heranwachsenden in den 70er Jahren. Am Ende stand Westfalia Herne mit ausgeglichenem Punktekonto in der Tabelle und Król mit tränenerstickter Stimme auf der Bühne.

Erträglicher Abpfiff

Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit prophezeite anschließend anhand seines Buches „Das Tor zur Welt” die zunehmende Digitalisierung des Fußballs und lüftete damit das Geheimnis des Zinedine Zidane.

Der daraufhin quasi selbst das Spielfeld betrat. In der Person des Marcel Reif, dem Zidane der deutschen Fußball-Reporter.

Aber welche Enttäuschung: Reif lieferte eines seiner schlechteren Spiele ab, las aus seinem biografischen Werk „Aus spitzem Winkel” und machte damit den Abpfiff nach mehr als drei Stunden erträglich.

Was Reif als Fernsehreporter alles richtig macht, das machte er als Vorleser falsch: Falsches Tempo, falsche Betonung und dazu eine Prise zu viel Selbstbeweihräucherung. „Gute Nacht allerseits.”